Teil 1
Begonnen hat es vor ungefähr zwei Monaten als der Bruder eines Bekannten in Rom verstarb. Vor drei Wochen kam der Vater eines Arbeitskollegen ums Leben und jetzt das: vor zwei Tagen verunglückte meine Nachbarin tödlich – wenige Stunden nachdem ich mit ihr gesprochen hatte. Es war, als tastete sich der Tod langsam an mich heran. Sein Atem streifte bereits meine Wange, die Schlinge, die er tückisch ausgelegt hatte, zog sich enger um meinen Hals. Wann würde sein Lachen das Blut in meinen Adern gefrieren lassen – wann der Blick in seine Augen mein letzter sein?
Ich fühlte, dass er sein Spiel mit mir trieb, wusste, dass er schaurig lachte.
Ende. Das musste ein Ende haben! Noch heute wollte ich die Karten neu mischen. Ihm entkommen, den Kreislauf durchbrechen …
Ich hatte es geahnt. Als es an die Scheibe klopfte wusste ich, wer es war, bevor ich das Fenster öffnete. Eisblumen der Nacht verhinderten die Sicht nach draußen – Spitzengardinen der Natur: einzigartig, kostenlos, von kurzer Dauer. Ich drehte den Knauf der frostkalten Fensterklinke und stieß es auf. In einen Nebel gehüllt floss er in den warmen Raum. Sein Atem entwich in Wolken, obwohl die Kälte aus diesem Zimmer gebannt war. Doch er atmete andere Luft: einen kalten letzten Atemzug der Toten auf Eisbetten unter gefrorener Erde, worauf er sie legte, nachdem er ihr Leben in sich aufgesogen hatte.
„Wie ich sehe, erwartest du mich“, sagte er, seine Stimme rau wie schweres Tuch, das Särge bei Bestattungen auskleidete.
„Ja“, erwiderte ich, „du hast den Kreis enger gezogen. Deine Spur kam mit jedem Tag näher. Du hast ein Spiel mit mir gespielt und nun werde ich eines mit dir spielen.“
„So?“, sagte er und lachte. „Welches Spiel ist es?“
„Wir spielen Schach“, erklärte ich. „Der Einsatz soll mein Leben sein.“
„So?“, sagte er ein zweites Mal. „Wie kannst du einen Einsatz geben, der bereits nicht mehr dein Eigen ist?“
„Es gibt nichts, was dich sonst interessieren würde“, meinte ich und beobachtete die feinen Lufttropfen, die seinem grauen Körper entströmten. Er trug keine Sense.
„Nun denn“, seufzte er, „ich spiele gerne.“
Erleichtert atmete ich aus und brachte die Figuren auf dem karierten Brett in Stellung, das ich zuvor auf einem Tisch aufgebaut hatte. Wir setzten uns einander gegenüber.
„Da ich nicht müßig Stunden verstreichen lassen kann, füge ich noch eine Regel hinzu, die diese Partie auch um einiges spannender machen wird“, teilte er mir mit und griff nach einem Bauern. Auf einer Fingerkuppe erhob er ihn in Augenhöhe – seine Nase wegen der Spielfigur nun meiner Sicht beraubt.
„Was meinst du?“, wollte ich wissen.
„Bauernopfer“, sagte er knapp und senkte die Figur tiefer bis zu ihrem Feld. „Ein Bauer: ein Mensch, den du vorschlägst; ein Turm: ein Gebäude auf das du deutest; ein Springer: ein Tier, das du mir zeigst; ein Läufer: ein Sportler, den du mir nennst; die Dame: ein Mensch deines Herzens; dein König: du.“
Bei jeder Nennung einer Spielfigur hatte er die jeweilige leicht angetippt – sie schwankten ein wenig, ein kleines Bisschen, fielen nicht – zum Glück. Nun starrte ich ihn an.
„Und was bekomme ich für eine deiner Figuren?“
„Zeit“, entgegnete er mit matt glänzenden Augen. „Für einen Bauern: eine halbe Stunde; für einen Turm: sechs Stunden; für einen Springer: drei Stunden; für einen Läufer: eine Stunde; für die Dame: ein Jahr; für den König: sechzig Jahre.“
Es war ein teuflisches Spiel, das er mir vorschlug. Doch ich musste es riskieren – wollte noch nicht sterben. Noch nicht gleich. Auch eine halbe Stunde war kostbar. Kostbarer als all die halben Stunden bisher. So kostbar wie ein Leben. Plötzlich degradierte sich das Wort Zeitvertreiben zu einem Unwort: sündig, undenkbar.
„Du beginnst“, sagte er, „da ich die Farbe meiner Bestimmung spiele.“
Deswegen hob ich mit zitternden Fingern einen Bauern an, setzte ein Feld vor. Deckung. Die Front nicht öffnen.
Er ging schneller voran, setzte mit dem Bauern zwei Felder vor. Der Angreifer auf offenem Feld.
So strebten sie einander zu, die fremdbestimmten Hüllen, die für Leben standen. Bildeten Fronten. Das Schlachtfeld formierte sich.
Ein Fehler.
Ein Bauer: meine erste halbe Stunde.
Ich war in die Falle getappt. Er hatte den Bauern geopfert, mein Springer stand auf der Diagonale seines Läufers: ein Tier.
„Welches Tier?“, fragte er.
Meine Wangen wurden bleich, meine Lippen grau wie seine Haut.
„Das nächste, das vor dem Fenster vorbeiläuft.“
„Wie du meinst.“
Wir saßen da. Schweigend. Abwartend.
„Ein Tier muss ich nicht abholen“, sagte er nach einer Weile.
Plötzlich ein leises Winseln. Der Schrei eines Kindes, verzweifeltes Weinen, hilfloses Rufen.
Ich war Schuld, dass man einem Kind das Herz gebrochen hatte. Verlust eines treuen Spielgefährten. Vielleicht der erste bewusst miterlebte Todesfall in der Familie.
Ach, hätte ich doch besser nachgedacht! Hätte vorbeifliegen sagen sollen! Vögel starben oft. Täglich. Es kümmerte niemanden.
Aber dieser Hund? Inniglich geliebt.
„Weiter“, sagte er.
Ich zog. Kein Blut. Keine Zeit.
Er zog.
Hatte ich eine Chance?
Ich schlug erneut einen Bauern.
Wieder ein Zug.
Ich.
Er. Nahm mir einen Bauern. Ein Menschenleben.
„Wer?“, fragte er.
Ich ging sie in Gedanken durch. All die Gesichter, die meinen Weg gekreuzt hatten. Nur einem hatte ich den Tod gewünscht, doch nun, da ich die Macht besaß, ihn sterben zu lassen, wollte ich es nicht mehr. Nein, keiner der Menschen sollte sterben. Ich erhob mich. Mein Stuhl fiel krachend zu Boden. Todesengel auf Mission. Ich trat ans Fenster und überblickte den Platz. Er war belebt, viele Menschen wimmelten unter meinem suchenden Blick. Nichts ahnend.
„Derjenige, der das Zentrum des Platzes überschreitet, wenn ich ‘jetzt’ sage.“
Er rührte sich nicht. Blieb zurückgelehnt sitzen. Dann nickte er leicht. Ich schloss die Augen.
„Jetzt.“ …
Teil 2
… Als ich sie öffnete, war er verschwunden. So drehte ich mich wieder dem Fenster zu. In diesem Augenblick sackte eine junge Frau zusammen, an der Hand hielt sie ein etwa zweijähriges Kind, das sie mit sich riss, als sie in den Tod stürzte. Erschrocken begann es zu weinen, als es die Mutter fallen sah, sich diese nicht mehr rührte, die Augen nicht mehr aufschlug, obwohl es sie auf die Wange schlug. Er stand über sie gebeugt, ich konnte ihn sehen.
Meine Beine wollten nachgeben. Soeben hatte ich einem Kind die Mutter genommen. Unverzeihlich. Wo war sie nur hergekommen? Ich hatte sie in dem Gedränge nicht gesehen. Hatte nicht Gott spielen wollen und einen auswählen. Dann das! Ein Kind ohne Mutter für mein Leben. Ein paar Stunden? Jahre?
„Weiter“, hörte ich ihn vom Tisch her sagen.
Er saß wieder auf seinem Platz.
„Warum hast du sie genommen?“ klagte ich ihn an.
„Weil du es so wolltest.“
„Das hättest du nicht tun dürfen!“
„Wenn wir dieses Spiel nicht spielten, würde die Frau noch leben.“
Teuflisches Spiel. Es geht um mein Leben! Alles gilt!
Sein Turm. Ein Viertel Tag für mich.
Mein Läufer. Ein Sportler. Ich schaltete den Fernseher ein. Wollte nicht wählen. Konnte es nicht.
„Der Sieger dieses Rennens“, sagte ich mit bebenden Lippen, „auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ein schöner Tod.“
Als ich den Kopf wandte, sah ich, dass ich mit mir selbst sprach. Er hatte einen neuen Platz eingenommen. Neben der Ziellinie. Er winkte mir zu. Ich hielt mir eine Hand ans Herz. Der Erste schoss über das Ziel, dicht gefolgt von zwei weiteren Läufern. Er riss die Arme im Siegestaumel hoch, zuckte aber plötzlich, griff sich ans Herz und brach zusammen. Die Stimme des Moderators wurde immer schriller, während er die Geschehnisse dokumentierte und darauf hinwies, welch Verlust der Sieger für sein kleines, von Armut geschütteltes Land sein würde wenn er starb, dessen einziger Glanz durch ihn, den Sieger gebracht worden war und den Menschen Hoffnung gab. Für heimatlose Straßenkinder würde die Zukunft sterben, denn auch er war von dort gekommen, hatte gekämpft, den Aufstieg geschaffte, den Leuten gezeigt, dass man Elend hinter sich zurücklassen konnte. Und die Armen hatten sich an ihn und seine Erfolge geklammert - doch wofür die Anstrengung, wenn er jetzt starb? War nicht alles sinnlos?
Auch hatte er eine Organisation ins Leben gerufen, die Straßenkindern ein Zuhause gab. Hatte sie nicht vergessen. Doch wer sollte sich nun für sie interessieren?
All das drang auf mich ein und ich ließ mich zu Boden fallen. Ich hatte alles falsch gemacht! Aber woher hätte ich wissen sollen?
„Weiter“, hörte ich ihn von schräg über mir sagen und rappelte mich auf.
Ich schaltete den Fernseher aus.
„Ich möchte nicht mehr spielen“, sagte ich mit zitternden Knien.
„Wir können es jetzt nicht unterbrechen“, ließ er mich wissen. „Schließlich geht es um dein Leben.“
Irrte ich mich, oder klangen die letzten Worte sarkastisch? Höhnisch? Erschöpft ließ ich mich auf den Stuhl sinken.
Zog. Gewann Stunden. Egal, wie viele. Bedeutungslos.
Angst packte mich. Die Dame stand noch aus. Wen sollte ich nennen, wenn der Zeitpunkt kam? Wer sollte für mein Leben geopfert werden? Hätte nicht ich mich, als guter Freund für sie opfern sollen? Schillers Bürgschaft als Ideal der Freundschaft.
Noch so viele Bauern! Es ging um Leben und Tod. Angstschweiß nässte meine Stirn. Plötzlich hatte ich mehr Angst vor dem nächsten Zug, als ich jemals vor dem Tod gehabt hatte. Hätte ich ihn nicht einfach den natürlichen Weg gehen lassen sollen? Aber nein, ich musste ja feilschen. Das Beste für mich rausschlagen …
Ein Bauer. Ich war klüger geworden. Nannte den Namen des städtischen Krankenhauses.
„Nimm einen Menschen, der künstlich am Leben gehalten wird.“
Als er verschwand war ich überzeugt, dass ich diesmal Segen schenkte.
„Oh, er wäre wieder vollkommen genesen“, teilter er mir mit, als er meinen zufriedenen Gesichtsausdruck sah und sich wieder setzte. „Seine depressive Frau hätte ihn dringend an ihrer Seite gebraucht.“
Ich fuhr zusammen. Konnte ich denn nichts richtig machen?
Wieder gewann ich Zeit.
Teil 3
Mein Springer – diesmal schoss ich den Vogel ab, sah ihn vor dem Fenster zu Boden fallen. Bremsgeräusche, ein Knall, ohrenbetäubendes Krachen, sekundenlange Stille, dann Schreie. Nanu? Ich blickte auf die Straße. Ein schwer beladener LKW war gegen die Hausmauer des Nachbarhauses gerast, der Fahrer musste bei dem Aufschlag des Tieres erschrocken sein.
„Er ist tot. Unter dem Wagen werden sie eine schwer verletzte Frau finden. Ihr Bein muss amputiert werden und das mit zweiundzwanzig Jahren.“
Ich ballte meine Hände zu Fäusten.
„Siehst du langsam ein, dass man gegen mich nur verlieren kann?“
Und so ging es weiter. Ich richtete mit jeder meiner Entscheidungen weiteres Unheil an. Als er meinen Turm schlug, nannte ich eine leer stehende Fabrik, die bald abgerissen werden sollte und in der sich sicherlich keine Menschenseele aufhielt. Wie hätte ich auch ahnen können, dass ein internationales Casting ausgerechnet an diesem Ort stattfand? Fünfhundert Tote.
Fünfhundertundzwölf Tote für mein Leben. Vielleicht auch nur für ein paar Tage – noch hatte ich nicht gewonnen. Ich fühlte mich mit jeder Minute elender. Noch besaß ich die Dame, den König, einen Turm und einen Bauern.
Er verfügte noch über die Dame, einen Springer, einen Läufer, einen Turm und natürlich den König.
Im nächsten Zug nahm er die Dame. Ich schloss die Augen. Was sollte ich tun?
„Bei diesem Zug gibt es für dich keine Auswahl“, teilte er mir mit. „Ich habe in dein Herz gesehen. Es gehört nur einem Menschen.“
„Nein!“ schrie ich und sprang auf, doch er war schon weg. Wie sollte ich ohne ihn leben? Er war alles für mich! Mehr! Wie sollte ich leben mit dem Wissen, seinen Tod verschuldet zu haben?
Nun war alles egal. Nun wollte ich mich opfern – dieses Spiel verlieren, beenden.
Den König ohne Deckung lassen, die winzige Front öffnen. Er sollte zuerst den König nehmen. Dann hätte ich einen Bauern und einen Turm gerettet. Es könnte die Welt verändern, wenn ich zuließe, dass er meinen Turm raubte noch vor dem König. Fünfhundert Menschen war der letzte Turm schwer gewesen. Fünfhundert. Mein letzter Turm war mehr wert, als jede andere Figur die ich noch besaß. Und plötzlich erkannte ich, dass in diesem Spiel jede Figur wertvoller gewesen war, als der König. Er hatte Recht. Ich konnte nur verlieren.
„Gräme dich nicht – der geliebte Mensch hatte einen schnellen Tod“, sagte er und nahm wieder Platz.
Er musterte die Aufstellung, sah mir prüfend in die Augen, als ich den nächsten Zug machte.
„Wenn du jetzt aufgibst, sind alle umsonst gestorben“, meinte er. „Dein König ist mittlerweile ein halbes Stadion wert, also schütze ihn!“
Doch ich wollte nicht mehr spielen. Wollte sterben! So zuckte ich nur mit den Achseln.
Anstatt auf meinen König zuzustreben jagte er den Turm und ich musste seine Figuren schlagen, um mich zu verteidigen. Und plötzlich wusste ich, was er plante: er wollte mich gewinnen sehen. Ich musste meine Taktik ändern! So gut ich konnte, deckte ich Turm und Bauern und zog die Figuren in Richtung seines Königs. Wenn er Schachmatt war, hätte ich den Turm und den Bauern gerettet!
Er versuchte meinen Plan zu vereiteln, doch ich nahm ihm die letzten Figuren. Ein blutiges Schlachtfeld.
Ich schlug seinen König. Ich hatte gewonnen: einen Turm, einen Bauern und mehr als einundsechzig Jahre.
„Ich möchte die Zeit nicht mehr. Nimm sie zurück und schenke mir dafür den Tod. Wie soll ich mit dem Blut das an meinen Händen klebt, leben können?“
Er erhob sich und schüttelte den Kopf.
„Du hast das Spiel vorgeschlagen und die Regeln, ohne mit der Wimper zu zucken, akzeptiert“, erinnerte er mich. „Und du hast gewonnen. Wir sehen uns in einundsechzig Jahren wieder.“
Dann war er verschwunden. Nur ein kalter Luftzug erinnerte noch an seine Anwesenheit.
Ich trat ans Fenster und sprang.
Seine Arme fingen mich auf.
„Das war das einzige Mal, dass ich dies getan habe“, warnte er mich, „das nächste Mal brichst du dir vielleicht die Wirbelsäule und bist für den Rest deines Lebens gelähmt und du weißt, wie lange dieses ist.“
Ein teuflisches Spiel, schoss es mir zum wiederholten Male durch den Kopf und ich hatte alles verloren. Sogar meinen Tod.

Januar 16th, 2007 at 13:11
macht echt nachdenklich und ist spannend. Danke.