Suzanne Réko, Schriftstellerin:

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Sa
4
Nov '06

OneB Rubens

Leseprobe Onevening Book
Arbeitsversion

1. Kapitel

Ich sehe ihn neben mir über die sattgrünen Hügel laufen, die sich hinter unserem Dorf sanft durch die Landschaft wellen. Ich sehe sein lachendes Gesicht hell vor dem dunkelblauen Himmel eines späten Sommertages. Eine Welt die uns schon früh inspirierte. Eine Welt voll Farben und Schatten, voll Schattierungen und klaren Grenzen, eine Welt voll Licht und Dunkelheit. Wir wollten sie malen.
Während mir stets auf der Suche nach neuen Motiven schier die Augen aus den Höhlen fielen, bevorzugte er es, große Maler zu kopieren. Dabei zog er sich mit einem Zeitungsfoto oder einem Druck in sein Zimmer zurück, saß stundenlang dort und starrte auf das Kunstwerk vor sich, bis er zu malen begann.
„Erst wenn man einen Maler gemalt hat, kann man ihn wirklich verstehen“, pflegte er zu sagen. „Rubens zum Beispiel – wer versteht ihn wirklich?“
„Was ist an Landschaftsbildern und mollig rosigen Engelchen schwer zu verstehen?“ meinte ich dann und er wandte sich ab, erschüttert von meiner Ignoranz.
Als wir größer waren, begann er auch die Farben selbst zu mischen oder sogar herzustellen.
„Diese neuen Farben sind mit den alten nicht zu vergleichen“, erklärte er. „Sie reflektieren nicht in der gleichen Intensität – ihre Pigmente strahlen nicht wie die der Naturfarben. Mit diesen „Kunstfarben“ “, das letzte Wort spuckte er angewidert aus, „ist es kein Wunder, dass man sie nicht versteht. Nur ein Original kann dich dem Maler näher führen.“
Er griff nach einem Tiegel mit wertvollem Lapislazuli-Pulver und begann es mit Ölen, Wachsen und Harzen zu mischen.
Ich sehe alles noch vor mir. Ihn, mich, die Welt um uns und sein Zimmer voller Farben.

„Polizei, öffnen Sie die Tür!“ Oberkommissarin Noreen Maciag klopfte zum fünften Mal laut an die Tür, dann blickte sie zu dem Polizisten an ihrer Seite. Dieser zuckte mit den Achseln.
„Sehen Sie“, kam es von einer besorgten Stimme hinter seinen Schultern, „er öffnet nicht. Das seit Tagen. Da stimmt etwas nicht!“
„Und Sie sind sicher, dass Herr Tremel nicht verreist ist?“ fragte Maciag zum wiederholten Mal.
„Hören Sie, Frau Kommissarin, ich sollte ihm gestern Modell sitzen. Niemals zuvor hat er einen unserer Termine verpasst. Wenn ich es Ihnen doch sage, da stimmt etwas nicht!“
Die Kommissarin nickte ihrem Kollegen aufmunternd zu, der warf sich sogleich gegen die Tür. Es knackte, doch sie hielt stand.
„Noch einmal, ich helfe dir. Auf drei.“
Sie zählte bis drei und die Beamten rammten gleichzeitig das Hindernis. Dieses Mal krachte es ohrenbetäubend, das Holz gab nach und schlug mit einem lauten Knall gegen die Wand.
„Ich hab mir immer gedacht, die Polizei macht das mit Kreditkarten oder Haarnadeln“, meinte das dürre Modell enttäuscht.
„Jaja, die Kollegen im Fernsehen machen das so“, sagte Polizist Quintus und folgte seiner Chefin ins Innere.
Verwesungsgestank schlug ihnen entgegen. Wieder drehte sich Maciag zu dem Mann um und gab ihm ein Zeichen, woraufhin sich dieser zu der Frau hinter sich wandte: „Sie gehen besser jetzt in Ihre Wohnung zurück, Frau Schöps. Wir melden uns, wenn wir Genaueres wissen.“
„Aber was stinkt denn hier so? Das ist doch nicht etwa … das kann doch nicht …“
Der Polizist drängte sie aus der Wohnung und zog die Tür hinter sich zu, die nun ein wenig schief in den Angeln hing.
„Mein Gott, sieh dir das an“, murmelte die Oberkommissarin und der Polizist folgte ihr ins Wohnzimmer. „Verständige Kriminaltechnik und Rechtsmedizin.“
Quintus starrte bewegungslos auf das Blut, das den ganzen Raum neu ausgemalt zu haben schien.
„Das ist das erste Mal, dass ich so etwas sehe, Noreen“, keuchte er. „So viel Blut!“
„Du wirst feststellen, dass es mit der Zeit besser wird, aber dran gewöhnen wirst du dich nie“, kam es sachlich von der Kriminologin, die den Blutflecken auf dem Boden auswich und langsam auf den toten Körper eines Mannes zuging, der auf einem Sofa saß. Der Kopf ruhte hinten auf der Lehne, so, als wäre er gerade eingeschlafen. Die Arme lagen steif an beiden Seiten des Körpers mit der Handfläche nach oben und Maciag erkannte augenblicklich die Todesursache.
„Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten“, stellte sie fest.
„Mir wird schlecht“, stöhnte der Polizist, der neben sie getreten war, nachdem er in der Zentrale Bescheid gegeben hatte. „Sieh dir diesen Madenteppich an!“
„Die äußeren Umstände dieser Wohnung sind geradezu ideal für die Eiablage von Schmeißfliegen. Ich nehme mal an, dass diese kleinen Würmchen mal welche werden“, kam es trocken von der Kommissarin, dabei griff sie in ihre Tasche und holte Latex-Handschuhe hervor.
„Gib mir die Kamera“, sagte sie zu ihrem bleichen Kollegen, „und wenn wir Fotos gemacht haben, beginnen wir mit der Arbeit.“

1.Szene

Galerist: (zum Publikum) Ich freue mich, dass ich Sie heute Abend zur Eröffnung unserer neuen Ausstellung begrüßen darf! Wie Sie sehen werden, steht unsere Kunstgalerie die nächsten Wochen ganz im Zeichen des Symbolismus. Darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf ein besonderes Gemälde lenken? Es heißt Die singende Krähe und stammt von T.T., einem diesem Hause wohl bekannten Künstler.
Lassen Sie mich nur kurz ein paar Worte zu dem Bild sagen. Der junge Mann, der auf der unteren Hälfte des Werkes versonnen unter einem Baum liegt, bemerkt nicht, wie dieser drohend seine Äste nach ihm ausstreckt – auch die Krähe, die mit schwingenden Flügeln über seinem Kopf kreist, sieht er nicht. Aus dem Schatten des Baumes kriecht unheilvoll Nebel. Aber der Jüngling, beachtet ihn nicht. Das goldgelbe Weizenfeld, das sich über den ihm gegenüberliegenden Hügel erstreckt, hat ihn gänzlich gefesselt. Noch schimmert der Vogel dunkelblau, noch strahlt das Leben auf ihn ab, erhellt das Schwarz. Doch bald wird der Krähe Schatten auf den jungen Mann fallen.

Leser:Ich sehe ihn neben mir über die sattgrünen Hügel laufen, die sich hinter unserem Dorf sanft durch die Landschaft wellen. Ich sehe sein lachendes Gesicht hell vor dem dunkelblauen Himmel eines späten Sommertages.

Galerist: Treten Sie näher, lassen Sie die Farben auf sich wirken.

(Oberkommissarin Maciag und Polizist Quintus treten hinter den Mann.)

Maciag: Herr Benkert?

Galerist:(dreht sich zu der Polizistin) Ja?

Maciag: Sind Sie Herr Wiggo Benkert?

Galerist: Das bin ich. Kann ich Ihnen helfen?

Maciag: Es tut mir leid, dass wir Sie kurz stören müssen. Wir sind von der Polizei und hätten
ein paar Fragen an Sie.

Galerist: Polizei?

Maciag: (zeigt die Dienstmarke) Ich bin Oberkommissarin Noreen Maciag. Das ist mein Kollege Herr Quintus.

Galerist: Ich weiß zwar nicht, wie ich Ihnen helfen kann, aber ich werde mein Bestmögliches
geben.

Maciag: Wunderbar. Es wird nicht lange dauern. Kennen Sie einen Maler namens Thomas Tremel?

Galerist: Nun ja, ein wenig. Wir verkehren hin und wieder geschäftlich miteinander. Weshalb ragen Sie? Ist etwas passiert?

Maciag: Herr Tremel hat, wie es scheint, Selbstmord begangen.

Galerist: (entsetzt) Nein! Wie schrecklich! Welch Verlust für die Kunstwelt! Sehen Sie, das
Bild dort drüben, das mit der Krähe, das stammt von ihm.

(Die Polizisten drehen sich kurz in die angedeutete Richtung.)

Galerist: Das ist wohl der Fluch, der über den Genies hängt, der Fluch, das eigene Leben nicht
zu ertragen. Sie sehen viel mehr als wir, verstehen Sie? Deswegen können sie auch malen.

Maciag: Hat er auf Sie bei ihrem letzten Treffen irgendwie bedrückt gewirkt?

Galerist: (schüttelt den Kopf) Nein. Überhaupt nicht.

Maciag: Können Sie sich irgendeinen Grund vorstellen, weshalb er sich das Leben hatte
nehmen wollen?

Galerist: (bedrückt, bedauernd) Nein. Tut mir leid.

Maciag: Dann noch eine andere Frage.

Galerist: Ja?

Maciag: Ihrer Galerie ist doch vor Monaten ein Rubens gestohlen worden.

Galerist: (zögernd, überrascht) Ja. Ja, das stimmt. Aber weshalb fragen Sie? Was hat das mit Tremel zu tun?

Maciag: Das Bild ist wieder aufgetaucht. Gestern erhielten wir den Anruf eines Anwalts. Er berichtete, dass Tremel ihm vor ungefähr zwei Wochen ein Paket zugesandt hatte. Auf der beiliegenden Nachricht stand, er solle das Paket für Tremel verwahren, erst nach seinem Tod öffnen und die nötigen Schritte einleiten. Wie es aussieht, hielt es der Anwalt für das Richtige, die Polizei zu verständigen.

Galerist: (zuerst blass, dann langsam kommt mäßige Freude auf) Ich kann es nicht glauben … Welch gute Nachricht! Das heißt … sagen Sie nicht … Sie glauben doch nicht etwa, T.T. hat das Gemälde gestohlen?

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