Suzanne Réko, Schriftstellerin:

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Di
6
Jun '06

Krimi Rubens

Rubens Mondscheinsonate

Klappentext:

Der Maler T.T. wird neben einem Abschiedsbrief tot in seiner Wohnung aufgefunden. Selbstmord. Kurze Zeit später taucht ein gestohlener Rubens auf und auch in der Wohnung des Verstorbenen wird ein Werk des Meisters gefunden. Innerhalb kurzer Zeit entdecken die Ermittler, dass der Fall nicht so einfach zu lösen ist, wie anfangs angenommen.

Leseprobe:

Ich sehe ihn neben mir über die sattgrünen Hügel laufen, die sich hinter unserem Dorf sanft durch die Landschaft wellen. Ich sehe sein lachendes Gesicht hell vor dem dunkelblauen Himmel eines späten Sommertages. Eine Welt die uns schon früh inspirierte. Eine Welt voll Farben und Schatten, voll Schattierungen und klaren Grenzen, eine Welt voll Licht und Dunkelheit. Wir wollten sie malen. Während mir stets auf der Suche nach neuen Motiven schier die Augen aus den Höhlen fielen, bevorzugte er es, große Maler zu kopieren. Dabei zog er sich mit einem Zeitungsfoto oder einem Druck in sein Zimmer zurück, saß stundenlang dort und starrte auf das Kunstwerk vor sich, bis er zu malen begann.
„Erst wenn man einen Maler gemalt hat, kann man ihn wirklich verstehen“, pflegte er zu sagen. „Rubens zum Beispiel – wer versteht ihn wirklich?“
„Was ist an Landschaftsbildern und mollig rosigen Engelchen schwer zu verstehen?“ meinte ich dann und er wandte sich ab, erschüttert von meiner Ignoranz.
Als wir größer waren, begann er auch die Farben selbst zu mischen oder sogar herzustellen.
„Diese neuen Farben sind mit den alten nicht zu vergleichen“, erklärte er. „Sie reflektieren nicht in der Intensität – ihre Pigmente strahlen nicht wie die der Naturfarben. Mit diesen „Kunstfarben“ “, das letzte Wort spuckte er angewidert aus, „ist es kein Wunder, dass man sie nicht versteht. Nur ein echtes Gemälde kann dich dem Maler näher führen.“
Er griff nach einem Tiegel mit wertvollem Lapislazuli-Pulver und begann es mit Ölen, Wachsen und Harzen zu mischen.
Ich sehe alles noch vor mir. Ihn, mich, die Welt um uns und sein Zimmer voller Farben.

„Polizei, öffnen Sie die Tür!“ Oberkommissarin Noreen Maciag klopfte zum fünften Mal laut an die Tür, dann blickte sie zu dem Polizisten an ihrer Seite. Dieser zuckte mit den Achseln.
„Sehen Sie“, kam es von einer besorgten Stimme hinter seinen Schultern, „er öffnet nicht. Das seit Tagen. Da stimmt etwas nicht!“
„Und Sie sind sicher, dass Herr Tremel nicht verreist ist?“ fragte Maciag zum wiederholten Mal.
„Hören Sie, Frau Kommissarin, ich sollte ihm gestern Modell sitzen. Niemals zuvor hat er einen unserer Termine verpasst. Wenn ich es Ihnen doch sage, da stimmt etwas nicht!“
Die Kommissarin nickte ihrem Kollegen aufmunternd zu, der warf sich sogleich gegen die Tür. Es knackte, doch sie hielt stand.
„Nocheinmal, ich helfe dir. Auf drei.“
Sie zählte bis drei und die Beamten rammten gleichzeitig das Hindernis. Dieses Mal krachte es ohrenbetäubend, das Holz gab nach und schlug mit einem lauten Knall gegen die Wand.
„Ich hab mir immer gedacht, die Polizei macht das mit Kreditkarten oder Haarnadeln“, meinte das dürre Modell enttäuscht.
„Jaja, die Kollegen im Fernsehen machen das so“, sagte Polizist Quintus und folgte seiner Chefin ins Innere.
Verwesender Gestank waberte ihnen entgegen. Wieder drehte sich Maciag zu dem Mann um und machte ihm ein Zeichen, woraufhin sich dieser zu der Frau hinter sich wandte: „Sie gehen besser jetzt in Ihre Wohnung zurück, Frau Schöps. Wir melden uns, wenn wir genaueres wissen.“
„Aber was stinkt denn hier so? Das ist doch nicht etwa … das kann doch nicht …“
Der Polizist drängte sie aus der Wohnung und zog die Tür hinter sich zu, die nun ein wenig schief in den Angeln hing.
„Mein Gott, sieh dir das an“, murmelte die Oberkommissarin und der Polizist folgte ihr ins Wohnzimmer. „Verständige Kriminaltechnik und Rechtsmedizin.“
Quintus starrte bewegungslos auf das Blut, das den ganzen Raum neu ausgemalt zu haben schien.
„Das ist das erste Mal, dass ich so etwas sehe, Noreen“, keuchte er. „So viel Blut!“
„Du wirst feststellen, dass es mit der Zeit besser wird, aber dran gewöhnen wirst du dich nie“, kam es sachlich von der Kriminologin, die den Blutflecken auf dem Boden auswich und langsam auf den toten Körper eines Mannes zuging, der auf einem Sofa saß. Der Kopf ruhte hinten auf der Lehne, so, als wäre er gerade eingeschlafen. Die Arme lagen steif an beiden Seiten des Körpers mit der Handfläche nach oben und Maciag erkannte augenblicklich die Todesursache.
„Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten“, stellte sie fest.
„Mir wird schlecht“, stöhnte der Polizist, der neben sie getreten war, nachdem er in der Zentrale Bescheid gegeben hatte. „Sieh dir diesen Madenteppich an!“
„Die äußeren Umstände dieser Wohnung sind geradezu ideal für die Eiablage von Schmeißfliegen. Ich nehme mal an, dass diese kleinen Würmchen mal welche werden“, kam es trocken von der Kommissarin, dabei griff sie in ihre Tasche und holte Latex-Handschuhe hervor.
„Gib mir die Kamera“, sagte sie zu ihrem bleichen Kollegen, „und wenn wir Fotos gemacht haben, beginnen wir mit der Arbeit.“

Das dumpfe Murmeln der Galeriebesucher versetzte ihn wie jedes Mal bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung in Erregung. Dieses leise Flüstern, wenn sich Experten über ein Bild unterhielten, diese weltfremden Gesichtszüge, wenn ein Betrachter in den Bann eines Meisterwerks gesogen wurde und sich innerhalb des Rahmens auflöste, die Euphorie, die er selbst spürte, wenn die Gäste um ihn strömten, ihn zart umschmeichelten, mit sich fortnahmen und ihr Lob an seine Ohren brandete. All das war das Leben Wiggo Benkerts. Die Galerie sein Atem, die Bilder sein Herz, die Künstler seine Augen und die Experten seine Ohren.
„Lassen Sie mich Ihnen zu dieser gelungenen Ausstellung gratulieren, Herr Benkert“, sagte ein weißhaariger Mann, dessen Augen hinter einer dicken, mit Silberdraht gefassten Brille, hervorblinkten. „Wirklich eindrucksvoll. Sie wissen, dass ich dem Symbolismus besonders zugetan bin?“
„Es freut mich, dass Ihnen die Ausstellung gefällt“, erwiderte der Galerist und lächelte den Gast zurückhaltend an. „Ich hoffe, Sie erwähnen meine Galerie in einem Ihrer Artikel?“
„Selbstredend! Ich muss an dieser Stelle auch gestehen, dass ich überrascht von der klaren Linienführung T.T.s bin. Das von ihm ausgestellte Bild Die singende Krähe ist, davon bin ich überzeugt, eines seiner besten Werke.“
Das Lächeln des Galeristen erstarrte unmerklich und er räusperte sich. Vor seinem inneren Auge fügten sich Farben und Linien des genannten Kunstwerkes zu einem deutlichen Bild zusammen:
Ein junger Mann, der auf der unteren Hälfte des Gemäldes versonnen unter einem Baum liegt, bemerkt nicht, wie dieser drohend seine Äste nach ihm ausstreckt – auch die Krähe, die mit schwingenden Flügeln über seinem Kopf kreist, sieht er nicht. Aus dem Schatten des Baumes kriecht unheilvoll der Nebel. Aber der Jüngling, beachtet ihn nicht. Das goldgelbe Weizenfeld, das sich über den ihm gegenüberliegenden Hügel erstreckt, hat ihn gänzlich gefesselt. Noch schimmert der Vogel dunkelblau, noch strahlt das Leben auf ihn ab, erhellt das Schwarz. Doch bald wird der Krähe Schatten auf ihn fallen.
„Diese Aussagekraft des Bildes hätte ich dem Maler nicht zugetraut“, fuhr der Journalist unbeirrt fort. „Ja, ich muss tatsächlich feststellen, dass sich die außergewöhnliche Brillanz seiner Farben hervorragend mit der Aussage des Gemäldes eint. Ein Kunstwerk! Überraschend, aber unumstritten. Wo steckt der Künstler überhaupt?“
Der weißhaarige Herr blickte sich suchend um, seine Aufmerksamkeit wurde von einer Frau angezogen, die in Jeans und Pullover an der Tür stehen geblieben war und mit einem Mann sprach. Dieser deutete gerade in die Richtung des Galeristen, der bis zu diesem Augenblick geschwiegen hatte.
„Ich nehme an, Sie werden gebraucht“, stellte der Journalist fest. „Dass sich die Jugend von heute auch nicht mehr angemessen kleiden kann!“
Benkert beobachtete die Frau, die tatsächlich auf ihn zukam, dicht auf ihren Fersen folgte ihr ein großer, blonder Mann. Sie mussten neu in der Szene sein, er hatte sie noch niemals zuvor gesehen.
Direkt vor ihm blieb sie stehen und musterte ihn.
„Man sagte mir, Sie wären Herr Wiggo Benkert. Ist das richtig?“
„So ist es. Womit kann ich dienen?“
„Es tut uns leid, dass wir Sie kurz stören müssen.“
Kurz wandte sie ihre beobachtenden Augen, Augen, die alles in sich aufsogen, jede Kleinigkeit entdeckten und jeden Schmutzfleck enttarnten, von ihm ab und ließ sie über die Menge schweifen.
„Meine Name ist Noreen Maciag, das ist mein Kollege Georg Quintus. Wir sind von der Polizei. Gibt es einen etwas ruhigeren Ort, an dem wir ungestört sprechen können?“
Der Galerist hatte bei ihren Worten ein wenig an Farbe verloren.
„Ist etwas passiert?“ wollte er erschrocken wissen.
„Wir sollten woanders …“, setzte die Polizistin ein weiteres mal an, wurde aber von Benkert unterbrochen: „Natürlich. Folgen Sie mir bitte.“
Und wieder brandete die Masse der Besucher um ihn, als er auf die Tür zusteuerte, doch dieses Mal hüllte sie ihn nicht mehr sicher wie in einen dicken Mantel ein, im Gegenteil: sie schien im die Luft zum Atmen zu nehmen, ihn geradewegs zu ersticken.
Sie stiegen einen Stock höher, dann öffnete der Galerist die Tür seines Büros.
„Treten Sie ein. Möchten Sie Platz nehmen? Darf ich Ihnen etwas zu Trinken anbieten?“
Jetzt, da der Augenblick der Wahrheit kurz bevor stand, fühlte er Angst in sich aufsteigen und er wünschte sehnlichst noch ein paar Minuten der Ruhe herbei.
„Nein, danke. Machen Sie sich keine Mühe.“
Der Galerist räusperte sich.
„Ist es recht, wenn ich mich setze?“
Die Kommissarin deute ihm, ruhig Platz zu nehmen, während sie die erste Frage an ihn richtete: „Kennen Sie einen Maler namens Thomas Tremel?“
„Nun ja, kennen ist zu viel gesagt. Wir verkehren hin und wieder geschäftlich miteinander. Weshalb fragen Sie? Ist etwas passiert?“
Eine tiefe Sorgenfalte grub sich in die Haut seiner Stirn.
„Herr Tremel hat, wie es scheint, bedauerlicher Weise Selbstmord begangen.“
Die Polizisten beobachteten seine Reaktion genau, wie es ihm schien.
„Nein“, murmelte er, „das ist vollkommen unmöglich … wie schrecklich!“
Benkert hob eine Hand vor seine Augen, strich sich über das Gesicht, ließ sie wieder fallen.
„Verstehen Sie, der Tod T.T.s ist ein schrecklicher Verlust für die Kunstwelt! Gerade eben stellen wir ein Bild von ihm aus. Es hängt unten. Es ist das Bild mit der Krähe. Der singenden Krähe …“
Der Galerist verstummte erschüttert und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Das ist … das ist … dieser Fluch. Dieser Fluch, der über den Genies hängt, der Fluch, das eigenen Leben nicht ertragen zu können. Sie sehen viel mehr als wir, verstehen Sie? Deswegen können sie auch malen.“
Die Kommissare ließen ihm ein wenig Zeit, sich zu fassen.
„Vielleicht können Sie uns ja helfen, mögliche Ursachen für seinen Selbstmord herauszufinden. Hat er in letzter Zeit irgendwie bedrückt auf Sie gewirkt? Gab es eine Angelegenheit, die ihm die Lebensfreude zu nehmen schien?“
Der Galerist dachte kurz nach.
„So weit ich weiß nicht.“ Wieder schüttelte er kurz den Kopf. „Nein. Da war nichts.“
„Hat er auf Sie bei ihrem letzten Treffen irgendwie bedrückt gewirkt?“
Benkert hörte den Stift des Polizisten über ein Notizbuch gleiten.
„Nein. Überhaupt nicht.“
„Können Sie sich irgendeinen Grund vorstellen, weshalb er sich das Leben hatte nehmen wollen?“
Wieder schloss er kurz die Augen, lehnte sich zurück. Ausgerechnet jetzt. Weshalb ausgerechnet jetzt?
„Nein. Tut mir leid.“
Maciag sah sich im Raum um, ihr Blick schweifte zum Fenster. Kurze Zeit war es still.
„Dann noch eine andere Frage“, sagte sie schließlich und wandte sich ihrem Gegenüber wieder zu.
„Ja?“
Er fühlte, dass der ganz große Coup noch bevorstand. Er konnte es in ihren Gesichtszügen lesen. Auch die Haltung des Polizisten strahlte unterschwellige Spannung aus.
„Ihrer Galerie ist doch vor Monaten ein Rubens gestohlen worden.“
Der Galerist zögerte ein wenig, war von dieser Frage überrascht. Der Zusammenhang. Wo blieb der Zusammenhang?
„Ja. Ja, das stimmt. Aber weshalb fragen Sie? Was hat das mit Tremel zu tun?“
Die Polizisten wechselten einen schnellen Blick, dann fixierten beide den Galeristen, als Maciag zu sprechen begann: „Das Bild ist wieder aufgetaucht. Gestern erhielten wir den Anruf eines Anwalts. Er berichtete, dass Tremel ihm vor ungefähr zwei Wochen ein Paket zugesandt hatte. Auf der beiliegenden Nachricht stand, er sollte das Paket für Tremel verwahren, erst nach seinem Tod öffnen und die nötigen Schritte einleiten. Wie es aussieht, hielt es der Anwalt für das Richtige, die Polizei zu verständigen.“
Es war, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und kurz dachte er, aus seinem Körper gefahren zu sein und die Szene von einer Stelle rechts neben sich zu beobachten. Dann dämmerte ihm, dass er sich eigentlich freuen müsste. Das gestohlene Gemälde war wieder aufgetaucht!
„Ich kann es nicht glauben …“, stammelte er. „Welch gute Nachricht!“
Und noch während er das sagte, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: „ Das heißt … sagen Sie nicht … Sie glauben doch nicht etwa T.T. hat das Gemälde gestohlen?“

2. Kapitel:

Er steht vor seiner Staffelei. In meinen Gedanken steht er immer dort, an diesem Platz am Fenster. Das Licht fällt schräg in den Raum, streift manchmal seine Finger die einen Pinsel halten. Auch auf den Fingern ist Farbe. Lapislazuli blau, Zinnoberrot, Bleizinngelb. Wenn er so dasteht, wirkt er selbst wie ein Gemälde. Ein Maler bei der Arbeit in seinem Atelier.
Als wir jünger waren und im Freien skizzierten, habe ich manchmal meinen Block auf die Seite gelegt und ihm zugesehen.
„Dieses Sandbraun dort auf dem Blatt, siehst du es?“
Ich wandte meinen Kopf. Ja, da flatterte ein Blatt an einem Ast. Sandbraun, von mir aus.
„Ja.“
„Das ist genau die Farbe von Albin Egger-Lienzs Almlandschaft im Ötztal.“
Und als ich meinen Blick dann auf seinen Zeichenblock lenkte, entstand vor meinen Augen genau diese Landschaft. Ein Berg, dem Wetter trotzende Almhütten, Felsbrocken, die vereinzelt aus dem Boden ragen und an den unwirtlichen Untergrund erinnern, im Hintergrund fast blendend hell geballte Wolken.
Auch später habe ich ihm zugesehen. Als er bereits in seinem Atelier arbeitete. Ich habe gesehen, wie er Rubens malte.
„Es ist erstaunlich“, habe ich einmal andächtig geäußert, „wie wenig sich deine Bilder von den Originalen unterscheiden!“
„Es liegt an den Farben“, hat er erwidert.
„Trotzdem“, habe ich eingewandt, „du könntest fast Rubens selbst sein!“
„Ich bin Rubens“, hatte er geantwortet und dabei so ernst geblickt, dass ich ihm kurz geglaubt habe.

„Die Fingerabdrücke sind in Atelier und Wohnzimmer bereits abgenommen worden“, sagte Polizist Quintus und folgte der Oberkommissarin ins Atelier.
Durch das breite Fenster vor dem eine Staffelei aufgestellt war, fiel das matte Licht eines Winternachtmittages. An die Wände gelehnt standen mit Tüchern abgedeckte Bilder, teilweise war der Stoff heruntergerutscht und gab das Geheimnis einer Landschaft oder Naturidylle preis. Maciag trat vor die Staffelei.
„Sieh dir das an“, forderte sie ihren Kollegen auf. „Ist das nicht Frau Schöps, die Nachbarin?“
Der Polizist trat neben sie und musterte das nicht vollendete Werk.
„Ja, das ist sie und sie sieht darauf besser aus als in Wirklichkeit. Er muss ihr ein paar minimale Fettpölsterchen an manchen Stellen verpasst haben. Ich glaube, Maler stehen nicht sonderlich auf den „Äthiopien-Look“.“
Maciag starrte unverwandt auf das Gemälde.
„Wenn du vorhast, dich umzubringen, würdest du dann noch mit einem Bild beginnen?“ fragte sie nach einer Weile.
Quintus zuckte die Achseln: „Eigentlich nicht, doch wenn er Depressionen hatte? Ich glaube, wenn man sich vollkommen am Ende fühlt, denkt man nicht mehr logisch.“
„Frau Oberkommissarin?“
Maciag und der Polizist drehten sich gleichzeitig zur Tür und erkannten ihren Kollegen von der Kriminaltechnik.
„Sind Sie fertig?“
„Ja, wenn Sie nichts dagegen haben, können wir die Wohnung für die Verwandten freigeben.“
„Ich werde mich heute hier noch ein wenig umsehen“, meinte die Kommissarin. „Ich brauche nicht mehr lange. Wie´s aussieht, war´s tatsächlich Selbstmord … Und, haben Sie irgendwelche Ungereimtheiten festgestellt?“
„Nun ja, noch kann ich nicht viel sagen, doch kommt mir tatsächlich etwas nicht ganz logisch vor.“
Maciag hob erwartungsvoll eine Augenbraue: „Und zwar?“
„Normalerweise sind es doch Fingerabdrücke, die jemanden überführen“, begann er zu erklären und Maciag nickte. „In diesem Fall, kann es genau umgekehrt sein.“
„Ich glaube, ich verstehe nicht ganz“, meinte die Oberkommissarin und warf einen schnellen Blick aus dem Fenster. Die Aussicht war hier wirklich phänomenal! Genau der richtige Ort, um seine Staffelei aufzustellen.
„Es ist so, dass auf der Packung mit den Schlafmitteln, die wir auf dem Couchtisch gefunden haben, nicht ein einziger Fingerabdruck zu entdecken war. In diesem Zusammenhang muss ich anmerken, dass wir die Schachtel nicht finden konnten, die möglicher Weise von der Apothekerin berührt worden war, sondern nur die unmittelbare Verpackung der Tabletten. Sie wissen, was ich meine?“
„Den Blister?“ wollte die Kommissarin wissen.
„Genau, die korrekte Bezeichnung war mir soeben entfallen. Komisch, drückt sich doch jeder hin und wieder eine Tablette aus der Hülle und ist doch nicht in der Lage sie anders als ein „Tablettenrausdrückdings“ zu bezeichnen … Also, um es fachmännisch auszudrücken: auf dem Blister fanden sich keinerlei genetische Spuren.“
Maciag und der Polizist blickten ihr Gegenüber abwartend an.
„Dieser Fakt ist ein wenig unschlüssig“, fuhr der Kriminaltechniker fort. „Wieso sollte sich der Verstorbene Handschuhe anziehen, nur um die Tabletten rauszudrücken?“
Die Kommissarin runzelte nachdenklich die Stirn.
„Notiere das“, bat sie ihren Kollegen. „Sonst noch etwas?“
„Ja“, kam es von ihrem Gegenüber, der sich in Fahrt zu reden schien. „Das Messer, mit dem er sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, weist nur die Fingerabdrücke einer Hand, nämlich der rechten auf und er hat sich aber beide Arme aufgeschnitten.“
Maciag wechselte einen schnellen Blick mit ihrem Begleiter.
„Und der Abschiedsbrief, den wir gefunden haben?“
„Weist merkwürdiger Weise zwei unterschiedliche Spuren auf, was mir auch ein wenig zu denken gibt. So einen Abschiedsbrief reicht man doch nicht rum. Man nimmt das Blatt normalerweise direkt aus dem Karton, in dem man es gekauft hat. Aber gut. Auf jeden Fall werden wir eine Schriftanalyse durchführen.“
Maciag begann auf und ab zu gehen, während sie das Gehörte zu verarbeiten suchte.
„Wie es aussieht“, meinte sie schließlich und hielt inne, „werden wir die Wohnung morgen nicht freigeben können.“

Eine Unruhe hatte ihn ergriffen, die nicht einmal mehr die Gemälde seiner Galerie besänftigen konnten, die sonst stets in der Lage waren, jeglichen seiner Schmerzen zu lindern. Nun war es still und Herr Benkert schritt nervös auf und ab, wo sich noch vor weniger als einem Tag die Besucher bei Sekt, Petit Four und auf Zahnstocher gespießten Häppchen eines Käseigels, gedrängt hatten. Nachdem er in seinem Büro lange auf den gerahmten Kunstdruck Johann Heinrich Füsslis „Das Schweigen“ gestarrt, das ihn, anstatt ihn zu beruhigen im Gegenteil, in eine noch düsterere Stimmung versetzt hatte, war er aus dem Raum geflohen, um nun, nahe den Schwingen T.T.s Krähe, angespannte Runden zu drehen.
Als sich die Tür öffnete, blieb der Galerist abrupt stehen und fuhr herum. Starr blickte er dem Mann entgegen, der, einen schmalen Koffer in der Hand, langsam eintrat. Kurz maßen sie sich.
„Gut, dass Sie kommen konnten, Herr Grimm“, brachte Wiggo Benkert beherrscht über die Lippen. Der Ankömmling stellte den Koffer ab, hob eine Hand, spreizte die Finger und betrachtete angelegentlich seinen Handrücken.
„Nun, angesichts des Wiederauftauchens des gestohlenen Rubens heißt es keine Zeit zu verlieren.“ Herr Grimm ließ die Hand sinken und fixierte nun sein Gegenüber.
„Sie müssen verstehen, meine Versicherungsgesellschaft ist ein wenig erstaunt über die Art, wie und wo das Gemälde gefunden wurde.“
Er hielt inne, sein Blick intensivierte sich, wurde eindringlicher und zugleich herausfordernder. Benkert erwiderte sein Starren ohne mit der Wimper zu zucken, trotzdem fühlte er sein Unbehagen zunehmen.
„Man könnte annehmen, dass Sie selbst etwas mit dem Raub zu tun hatten“, fuhr Herr Grimm ein wenig spöttisch fort und beobachtete, wie alle Farbe aus des Galeristen Gesicht schwand.
„Hören Sie auf, so etwas dürfen Sie nicht sagen“, stieß Benkert hervor. „Ich bitte Sie, Herr Grimm!“
Nun trat der Galerist einen Schritt auf den anderen Mann zu, er hatte wieder ein wenig Fassung gewonnen, atmete tief durch.
„Es ist mir vollkommen rätselhaft, wie das Bild zu dem Anwalt kommen konnte! Das müssen Sie mir glauben!“
„So, muss ich das?“ Nun lüpfte Herr Grimm eine Augenbraue.
„Sie werden doch nicht etwa dem verstorbenen T.T. oder gar mir diesen Raub unterstellen!“ zischte Benkert aufs Äußerste erzürnt.
Gelassen musterte der Versicherungsmann seinen Kunden, dann ging er ein paar Schritte auf und ab.
„Hören Sie, Herr Benkert, welche Schritte ich als Nächstes einleiten werde, weiß ich noch nicht. Aber es sieht nicht gut aus, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Bei diesen Worte war alle Wut von dem Galeristen abgefallen, kurz vergrub er den Kopf in den Händen. Sie zitterten leicht.
„Bevor Sie der Versicherung eine Meldung machen, lassen Sie uns bitte in Ruhe noch einmal darüber reden!“ kam es flehentlich über seine Lippen. Alle Selbstsicherheit war von ihm gewichen und er zuckte unmerklich zusammen, als sich Herr Grimm nach seinem Koffer bückte und ihn ohne Eile anhob.
„Ich wüsste nicht, welchen Sinn das hätte“, meinte er leichthin, wandte den Blick ab und dem Fenster zu. Kurz schwiegen sie.
„Ich werde alles versuchen, dass diese Sache für alle Beteiligten schnell und glimpflich über die Bühne geht“, erklärte Grimm kühl und distanziert. „Schließlich wollen wir T.T.s Andenken nicht beschmutzen. Sein Selbstmord ist schon schlimm genug.“
Benkert hatte bei seinen Worten die Hände zu Fäusten geballt, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Als der Versicherungsmann seine Aufmerksamkeit wieder zu ihm lenkte, versuchte er krampfhaft, diese zu lösen. Nur kurz schweifen seine Augen über die Gestalt des Galeristen, dann wandte er sich zum Gehen. Kurz bevor er die Tür erreichte hielt er wir in Gedanken versunken noch einmal inne, blickte über die rechte Schulter zurück, er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, sich ganz umzudrehen.
„Ach, noch eine Frage: wurde noch ein Rubens in seiner Wohnung gefunden?“
In diesem Moment verschlossen sich des Galeristen Gesichtszüge und er erwiderte den Blick seines Gegenübers mit einem stolzen Funkeln in den Augen.
Betont unschuldig antwortete er: „Ich bitte Sie! Woher soll ich das wissen?“
Während er mit einer Hand seinen Nacken massierte, setzte er noch hinzu: „Gestohlen wurde der Galerie jedenfalls kein weiterer.“
Als hätten sie dieses Gespräch einstudiert, verharrten sie kurz regungslos, um sich gleichzeitig wieder in Bewegung zu setzen.
„Nun, das ist wohl Ihre einzige Hoffnung“, verkündete der Versicherungsmann, wandte sich ab und griff nach der Türklinke. „Auf Wiedersehen.“
Herr Benkert sah ihm nach, dann ließ er seine Schultern hängen. Am liebsten hätte er die Haltung der auf Johann Heinrich Füsslis „Das Schweigen“ abgebildeten Person eingenommen und wäre ganz in sich versunken.
Rubens Mondscheinsonate

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