
Klappentext:
Durch Mark und Bein dringendes Kreischen erschüttert im Jahre 1899 die Bewohner einer herrschaftlichen Villa. Mit dem entsetzlichen Laut verändert sich das Leben aller und die Angst vor einem Geist hält nicht nur die Dienstboten gefangen. Obwohl Weihnachten vor der Tür steht, kehren Schrecken und Unheil im Haus ein. Kurz nachdem ein Pater des verbotenen Jesuitenordens um Obdach bittet, geraten die Geschehnisse gänzlich außer Kontrolle.
Leseprobe:
Es begann plötzlich. Von einem Tag auf den anderen, von einer Sekunde zur nächsten. Unerwartet und schmerzhaft. Ein Kreischen so schrill, dass es einem die Härchen auf den Unterarmen aufstellte. Ein Misston, so anders als die Geräusche dieser Welt, der einen schaudern ließ. Bis zu den Fasern meines Herzens, ein Gefühl, als hätte man sich den Ellenbogen angeschlagen – noch verstärkt, tausendfach verstärkt.
Dann hörte ich seine Schritte. Die Absätze seiner schweren Lederstiefel hallten kalt von den Wänden wider, als er den Gang entlang schritt. Langsam, unaufhaltsam, furchtlos. Der Geruch seiner glühenden Pfeife kroch unter der Türritze herein in das Zimmer, griff nach meinen Fesseln, zog sich mit gichtigen Krallen an meinem Kleid hoch, bis er meine Nase gefunden hatte, sie aufreizend kitzelte und reizte, bis ich niesen musste. Ich konnte nicht anders, immer wenn ich den Tabak seiner Pfeife roch, zerriss es mich von innen heraus und ich konnte oftmals nur mehr in letzter Sekunde meine Hand vor den Mund schlagen und auf diese Weise versuchen, jenen Drang zu unterdrücken.
Nun erklomm er gemessenen Schrittes die Stufen in den nächsten Stock, seine Anwesenheit löste sich langsam auf, wie auch sein Duft, der stets länger im Raum stand als sein Verursacher – manchmal sogar noch Stunden später in der Luft hing.
Nach zwei weiteren Minuten hörte das Kreischen, das keinen menschlichen Ursprung haben konnte, auf, verstummte. Plötzlich war es still. Auf eine Art still, die einen frösteln ließ. Eine lauernde Stille, die mit jeder Sekunde die verstrich, explodieren konnte, ohne auch nur eine Fensterscheibe vibrieren zu lassen.
Unwillkürlich hielt ich den Atem an und lauschte. Doch kein Laut verirrte sich zu mir, einzig der Schnee rieselte vor den Fenstern in tanzenden Bahnen vorbei, um sich als federne Decke über die Umrisse der Natur zu legen und die Welt für den Betrachter weicher zu malen, ihr die Härte zu nehmen und Konturen verschwimmen zu lassen.
Obwohl es bereits dunkel war, erhellte das gefallene Weiß die Nacht und ich konnte die spärlichen Einrichtungsgegenstände des Raumes einwandfrei erkennen. Auch Thereses Gesicht, das rund und bleich in meine Richtung gedreht erstarrt war, hob sich deutlich von der Dunkelheit ab.
In diesem Moment spürte ich die Kälte, die von meinen Gliedern Besitz ergriffen hatte und fröstelte. Schnell zog ich die Decke, die ich über meine Schultern gelegt hatte, enger um mich und tapste auf leisen Sohlen zu meinem Bett zurück. Thereses Augen folgten mir, sonst bewegte sie sich nicht.
Nachdem ich mich auf dem harten Lager niedergelassen hatte, suchte ich den Blick meines Gegenübers.
„Was, bei der Heiligen Mutter Gottes, war das?“ flüsterte sie und ich verstand ihre Worte kaum.
Mit panisch verzerrtem Mund schlug sie ein Kreuz und ich biss meine Zähne aufeinander, damit sie nicht zu klappern begannen, ob vor Angst oder Kälte sei dahingestellt.
Noch immer war es still. Ich zuckte die Achseln, langsam kehrte Leben in meinen Körper zurück. Auch Therese beendete ihre büstenhafte Starre und fuhr sich mit den Händen abwechselnd über ihre Unterarme.
„Ob es die anderen auch gehört haben?“ fragte sie, nun schon ein wenig lauter. „Glaubst du, der gnädige Herr persönlich, ist der Sache auf den Grund gegangen?“
Wieder hob ich ratlos die Schultern.
„Das war doch kaum zu überhören“, meinte ich und beobachtete den kalten Hauch, der sich mit meinen Worten vermischte und sich an den Scheiben niederschlug. Es war zum Gotterbarmen kalt in dieser Nacht.
„Vielleicht ist die schwarze Grete zurückge…“, begann sie, doch ich wehrte mit einer schnellen Handbewegung ab.
„Sprich nicht von ihr!“ zischte ich. „Du weißt, was passiert, wenn …“
Wir starrten einander angsterfüllt an.
Die schwarze Grete, dachte ich voll Schrecken, kehrt stets kurz vor Weihnachten in das Haus ihrer Pein zurück.
Und nun war genau diese düstere Zeit angebrochen, in der die Seelen auf Wanderschaft gingen.
Noch einmal warf ich einen entsetzten Blick zu Therese, dann ließ ich mich auf die Matratze fallen und zog die Decke über meinen Kopf. Wenn dieser Geist tatsächlich sein Unwesen innerhalb dieser Mauern trieb, würde keiner vor ihm sicher sein. Ich wälzte mich unruhig von einer Seite auf die andere, meine Ohren gespitzt, um jeden Laut aufzunehmen. Doch das einzige Geräusch das in dieser Nacht die Stille durchbrach, waren seine Schritte, die zurückkehrten, sich mir näherten, um sich wieder zu entfernen und einen weiteren Stock hinabzusteigen. In dieser Nacht lag ich lange wach.
Die Stumme Lise kniete am darauf folgenden Morgen nicht wie üblich auf dem Steinboden – einen Eimer Seifenlauge neben sich, einen Schrubber in der schwieligen Hand – und bearbeitete dessen Oberfläche mit konzentrierter Inbrunst. Stattdessen glänzte der Belag matt, etwas Straßenstaub lag verstreut. Seit ich in diesem Haus in Stellung war, konnte ich mich nicht an einen einzigen Tag erinnern, an dem der Boden nicht gesäubert worden war.
Die Herrschaft, die über eine beträchtliche Anzahl an Dienstboten verfügte – darunter auch mich – blickte dem nahen Jahrhundertwechsel mit Gelassenheit entgegen. Der Wohlstand war gesichert, man erwartete beträchtliche Gewinne im nächsten Geschäftsjahr. Das Ende des 19. Jahrhunderts war eine sorgenfreie Zeit für die oberen Schichten der Gesellschaft, von der ein verschmutzter Boden schlimmer als eine persönliche Beleidigung angesehen wurde, als tragischer Gipfel des Ärgernisses, als eine Bekundung des Neides auf Reichtum und Unbekümmertheit von seiten des Personals. Lange Tiraden folgten stets einem Versäumnis dieser Art, meisterhaft vorgetragen von der Hausherrin, der wir nicht einmal das Gesicht zuwenden durften, sondern stumpf die Wand anstarren mussten, während sie uns rügte – bis aufs Äußerste erzürnt.
Bis jetzt jedoch, war es ruhig. Vielleicht hatte die gnädige Dame die Nachlässigkeit der Untergebenen auch noch nicht festgestellt – sicherlich lag sie noch in tiefem Schlaf.
Aus der Küche drang schon das Klappern der Kochtöpfe, vermischt mit dem leisen Wischgeräusch, das beim Schwärzen des Ofens entstand. Ein leises Quietschen stahl sich unter der Tür durch, als die Hitze mit einem Schieber zurückgeregelt wurde, damit das herrschaftliche Mahl nicht verbrannte. Obwohl mir dieses Morgenlied vertraut war und mir eine gewisse Sicherheit schenkte, schien es mir, als klänge es anders als die Tage zuvor, als die Wochen zuvor, als das letzte Jahr. Irgendetwas war anders. Seit der letzten Nacht. Seit dem Kreischen zu später Stunde.
Auch ich hatte mich verändert. War ich zuvor stets achtlos durch die zahlreichen Schattenpfützen der Dämmerung geeilt, habe ich sie heute gemieden und unsicher versucht, Gegenstände von der Dunkelheit zu trennen, eine mögliche Bewegung auszumachen, um vor der Schwarzen Grete rechtzeitig ausweichen und fliehen zu können.
Nun war ich geradezu erleichtert, die Küchentür aufstoßen und in das warme Licht eintauchen zu können, den düsteren Gängen, den dunklen Winkeln, dem unheimlichen Knarzen der Holzwände, dem rhythmischen Schlagen der Äste gegen die Außenmauer, aufgepeitscht vom heulenden Winterwind, zu entkommen. Und vielleicht auch einem Geist, der sich nun für an ihm begangenen Grausamkeiten rächen wollte.
Zu meiner Überraschung entdeckte ich die Stumme Lise in einer Ecke, die gerade damit beschäftigt war, eine Seifenlauge anzurühren, mit der sie sämtlichem Schmutz den Garaus machen würde. Sie war mit ihrer Arbeit eindeutig in Verzug und doch rührte sie in ihrem Eimer mit einer Ruhe, die mich erstaunte. Stierte mit dumpfem Blick in die dicke Flüssigkeit, ohne den Kopf bei meinem Eintreten zu heben. Sie war dumm. Das wusste jeder in diesem Haus, deswegen sprach auch niemand mit ihr. Sollte es doch einmal einer versuchen, musste er bald einsehen, dass es verlorene Liebesmüh war. Er bekam ja doch keine Antwort. Die Köchin hatte mir erzählt – und die hat es wiederum von der Hauswirtschafterin – dass der Herr der stummen Frau keinen Lohn zahlte, ihr jedoch für ihre Arbeit Kost und Logis gewährte. Ich bin davon überzeugt, dass sie nirgendwo sonst eine Stellung gefunden hätte und froh über das Dach über dem Kopf und die Speisen war. Eigentlich hatte ich mir über sie bisher keine Gedanken gemacht, doch an diesem Tag benahm sie sich derart anders, als jemals zuvor – obwohl sie es auch wiederum nicht tat und ihrer Arbeit nachging wie sonst auch, nur eben verspätet – sodass sie meinen Geist beschäftigte. Gerade griff sie nach einem Putzlappen und tauchte ihn in die heiße Brühe, dabei zog sie die Augen zu engen Schlitzen zusammen, sodass ich zu dem Schluss kam, dass sie entweder unter einer Sehschwäche litt oder aber von Grund auf böse war und von nur ihrer Stummheit daran gehindert wurde, Flüche und Gekeife auszustoßen. Sie war wirklich eine abstoßende Person, mit den schmalen aufeinander gepressten Lippen, den tiefen Falten um ihren Mund, der etwas krummen Nase, dem glanzlosen Haar, von dem sich vereinzelte Strähnen unter der Haube hervor gestohlen hatten und ohne Spannkraft hinunterhingen und vor allem diesen gichtigen, geröteten Klauen, mit denen sie nun nach dem Einer griff. Es ging in der Tat etwas Unheimliches von ihr aus und ich drehte mich zur Köchin, im gleichen Moment, als die Stumme Lise den Raum verließ.
„Sie wird immer fauler“, beschwerte sich die Köchin.
Ich nickte und holte den Servierwagen aus einer Ecke.
„Heute ist alles anders“, sagte ich, langte nach dem Besteck, begann es zu polieren und dann auf den Wagen zu legen. „Hast du das letzte Nacht auch gehört?“
Schnell blickte sich die Köchin um, dann winkte sie mich näher. Als ich neben ihr stand, raunte sie mir leise zu: „Ich sage dir eins: so wie gestern war das noch nie! Du bist ja erst seit einem knappen Jahr hier und weißt das nicht. Aber so war das noch nie. Früher hat es richtig geheult.“
„Du meinst die Schwarze Gr…“
„Psst!“
Wieder sah sie sich um, doch bis auf das den Ofen schwärzende Dienstmädchen waren wir allein.
„Wen werde ich sonst meinen?“
„Was meinst du mit geheult? Geweint?“
„Nein. Wie ein Solchenes, was sie halt ist, macht. Du weißt schon.“
„Huhu?“ machte ich fragend.
„Du bist eine dumme Gans“, tadelte die Köchin. „Aber so wie gestern, war das noch nie!“
„Ja, das war wirklich schauerlich“, meinte ich und fühlte, wie sich meine Härchen auf den Unterarmen, allein bei dem Gedanken an den Laut, erneut aufstellten.
Verstohlen rubbelte ich kurz meine Arme, dann machte ich mich schleunigst an die Arbeit. Es sollte an diesem Tag nicht noch mehr von der Norm abweichen, sich nicht noch mehr verändern, als es das bereits seit letzter Nacht getan hatte. Leise und unterschwellig war das Unheil mit dem Nebel durch die Ritzen gedrungen, hatte die Vorhänge gebläht und unsere Seelen erschauern lassen. Es sollte wieder gehen!
Doch es blieb.
Im Speisezimmer stand an einer Wand eine Kredenz mit einem Aufbau, der wiederum Glastüren hatte. In ihnen spiegelte sich die Herrschaft, wenn sie zu speisen pflegte und ich mit dem Rücken zu ihr an der Wand stand und vor mich hinstarrte. Dass ich dies tat, dachten sie zumindest, denn ich nutzte die Scheiben als Spiegel und beobachtete sie. Nur, wenn ich etwas servieren oder nachschenken sollte, durfte ich mich umdrehen, um den Wünschen der Durchlauchten nachzukommen. An diesem Tag konnte ich die dunklen Ringe unter den Augen der Hausherrin deutlich erkennen, obwohl ich ihr kein einziges Mal ins Gesicht geschaut hatte. Ihre Hand zitterte ein wenig, als sie Butter auf ihr Brot strich.
Er hingegen saß ruhig, las konzentriert die Zeitung, die raschelte, wenn er umblätterte. Die Kinder aßen ebenfalls schweigend, herausgeputzt für den Tag zu Hause. Bald würde der Privatlehrer eintreffen um sie in Bereiche der Wissenschaften und Haushaltsführung – je nach Geschlecht – einzuführen. Am Nachmittag würde Sophia auf dem Piano Beethoven spielen – seit einem halben Jahr probierte sie sich mehr schlecht als recht an der Sonata quasi una Fantasia, Nr. 14 op 27, auch Mondscheinsonate (die eines der Lieblingswerke des Musiklehrers war, was er mehrmals täglich wiederholte, sodass sogar ich mir den Namen merken konnte: „Meines Erachtens Beethovens beste Komposition, sanfter kann er nicht sein. Nicht klarer und zur selben Zeit nicht geheimnisvoller. Sonata quasi una Fantasia. Ein Meisterwerk!“) und ich bin überzeugt, der Komponist wäre nicht sehr erfreut über ihre Interpretation gewesen. Genauso der Musiklehrer, der seine Schülerin stets ermahnte mehr zu üben, denn es gehörte zu den Pflichten einer Frau, Gäste und den zukünftigen Gatten mit Klavierstücken zu erfreuen. Und die Zutaten für einen Ohrenschmaus hatte sie, meines Erachtens nach, weder komplett zusammengestellt, noch in der richtigen Menge dosiert.
Bis auf das Adagio sostenuto, den ersten Satz. Während Allegretto und Presto agitato („Die Fingerfertigkeit, Fräulein Steger! Presto! Sie müssen es fühlen! Schneller als das Allegretto! Die Finger müssen gleiten, geradezu über die Tasten schweben! Und vergessen Sie dabei die Haltung nicht! Den Winkel Ihrer Unterarme! Ja, das hilft, so haben die Finger mehr Spielraum für das Presto agitato! Welch wunderbarer Klang: presto. Agitato!“) von ihren Händen mehr an eine Kutschenfahrt über Schlaglöcher erinnerte – versehen mit Pausen für etwaige Reparaturen der Räder – konnte sie dem Adagio sostenuto („Viel besser, das klingt … bezaubernd … lässt mein Herz vor Entzückung schmelzen! Ein Adagio, wie es nicht schöner sein kann!“) eine Lieblichkeit abgewinnen, sodass vor meinem geistigen Auge das Bild des Mondes entstand, der mit seinen silbrigen Strahlen sanft das sich kräuselnde Wasser eines Sees streichelte.
Ich war derart von meinen Grübeleien gefesselt, dass ich erschrocken zusammenzuckte, als die Hausherrin, Frau Steger, die Gabel auf den Teller fallen ließ, sodass es klirrte. Sofort lenkte ich meine Aufmerksamkeit zu dem durchsichtigen Spiegelbild schräg neben mir. Der Hausherr ließ langsam die Zeitung sinken, die Kinder warfen einander einen schnellen Blick zu.
„Fühlst du dich nicht wohl, meine Liebe?“
Ihre Lippen bildeten einen dünnen Strich, ich sah, dass sie ihre rechte Hand zur Faust ballte und mit welcher Mühe sie die Finger wieder auseinander zwang. Neugierig beobachtete ich, wie sie einen inneren Kampf ausfocht, ihre Gesichtszüge zuckten.
„Ich kann nicht …“, murmelte sie schließlich.
„Was kannst du nicht?“ Obwohl er die Frage höflich gestellt hatte, schwang eine Drohung deutlich mit. Langsam faltete er die Zeitung.
Sie tastete nach der Gabel und umklammerte diese, als wollte sie ein Schwein abstechen und ich hätte fast aufgelacht. Ich gebe zu, ich mochte sie nicht.
„Du weißt, dass … dass … wenn das jede Nacht …“
Sein Stuhl schlug mit einem lauten Krachen auf dem Boden auf, als er sich mit einem verärgerten Ruck erhob und sie fixierte. Obwohl ich seine Augen nicht sehen konnte, war es mir ein Leichtes mir vorzustellen, wie er seine Frau betrachtete. Voll Zorn funkelten sie wohl, denn Frau Steger schrumpfte unter dieser Musterung zu einem Schulmädchen zusammen, zu einem Kind, das Prügel von seinem Vater erwartete.
„Ich meine diese … Kopfschmerzen …“, stammelte sie und fuhr sich mit zittrigen Händen an die Stirn.
„Dann schicke ein Mädchen nach einem Aspirin zur Apotheke. Du hast doch gehört, wie gut es wirkt!“ Seine Stimme war kalt.
„Ja“, krächzte sie und räusperte sich, „das sollte ich machen.“
Abrupt wandte er sich um und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Ganz oben in der Villa gab es ein Turmzimmer, das im Winter niemals benutzt wurde, denn es war schwer zu heizen. Trotzdem stieg ich einmal die Woche hinauf, um es zu fegen und die Schutzhüllen, die über die Polstermöbel gebreitet waren, auszuschütteln. An diesem Tag war es wieder so weit und ich erklomm langsam die Stufen in den obersten Stock, einen Besen in der einen, einen Eimer in der anderen Hand. Als ich dir Tür öffnen wollte, die unmittelbar vor den Stufen in das Turmzimmer ihren Platz hatte, war es mir unmöglich. Zuerst dachte ich, es hätte sich nur das Holz verzogen und rüttelte am Knauf, ich trat sogar mit dem Fuß nach dem Hindernis. Nichts. Es bewegte sich nicht einen Millimeter.
„Was machst du hier?“
Seine Stimme zerriss die plötzliche Stille, die eingetreten war, nachdem ich meine Bemühungen abgebrochen hatte und darüber nachdachte, was ich als nächstes machen sollte. Ich fuhr herum. Sofort hüllte mich der Tabak seiner Pfeife ein, die er in einer Hand hielt, während er mich abwartend musterte, sie dann langsam hob, zu seinem Mund führte, daran sog. Ich musste niesen, dann machte ich einen schnellen Knicks.
„Ich wollte im Turmzimmer sauber machen, wie jede Woche.“
Er ließ den Rauch aus seinen Lungen strömen.
„Dieser Raum ist von nun an für das gesamte Personal gesperrt. Keiner von euch hat hier noch etwas zu suchen. Sag dies weiter!“
Ich nickte und knickste erneut, dann floh ich vor dem meine Nase reizenden Duft die Treppe hinunter und nieste wieder. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was mich das nächste Mal erwarten würde, wenn ich vor der verschlossenen Tür stand. Ich war sogar davon überzeugt, erst in einigen Wochen wieder an diesen Ort zu kommen. Doch ich hatte mich geirrt. Das Unheil ergoss sich unter diese Tür hindurch über das Haus und seine Bewohner.
Tief und dunkel schwangen die ersten Akkorde der Sonata quasi una Fantasia ins Zimmer, in dem ich gerade mit einem Staubwedel über die Porzellanteller an der Wand wischte. Sie drehten sich langsam in der Mitte des Raumes, streiften über den Teppich, in eine Klangumarmung verschlungen, versunken ineinander – in die Melodie der Unendlichkeit eines zum Leben erweckten Notensatzes. Der Tanz der erwachenden Harmonie ließ mich innehalten, mein Arbeitsutensil senken. Adagio sostenuto. Wieder Schneeflocken vor den Fenstern, ihr Ballett, gefangen von der Musik aus des Komponisten Herzen. Nur für wenige Minuten schien die ganze Welt diesem Tongebilde unterworfen, vergaß zu atmen, vergaß, sich zu drehen – das Wirbeln der Töne unser einziger Atem. Alles Sein erwachte zwischen Notenblättern zum Leben. Durch ihre Finger, die über die Tasten glitten.
Da machte sie einen Fehler.
Ich hob den Staubwedel erneut, setzte meine Arbeit fort. Neben mir auf dem Boden lagen Tannenzweige. Mit ihnen sollte ich den Salon weihnachtlich dekorieren. Der schwere Duft nach Tannennadeln erfüllte den Raum und mischte sich mit dem erneut begonnenen Musikstück aus dem Nebenraum.
Gerade als mich die träumerische Versunkenheit wieder befallen wollte, geschah es. Zu der lieblichen Melodie des ersten Satzes mischte sich ein Misston, so schauerlich, so weltfremd, so anders, nur dem Kreischen der vergangenen Nacht ähnlich. Inbrünstiger, als wäre er aus ihm erwachsen, hätte sich mit dem leidenden Nichts vollgesogen, um dieser gequälte Aufschrei eines Geistes zu werden. Das Klavier verstummte, das Kreischen blieb.
Alle Furcht dieser Welt schien von mir angesogen zu werden, um sich in mir zu einem dunklen Klumpen zusammenzuballen und dann in die anderen Regionen meines Körpers auszustrahlen, sodass mich die Luft in die Seiten stach, wenn ich sie zitternd in meine Lungen sog, das sonst nie wahrgenommene Pulsieren meines Blutstroms mit einem heftigen Pochen meinen Schädel zu sprengen versuchte, die Spannkraft meines Körpers ermattete und panisch um den letzten Rest einer Haltung kämpfte. All das, während sich eine unheimliche Stille über das Haus senkte, die den einzig gebliebenen Ton tausendfach verstärkte und schauerlicher durch die Gänge hallen ließ, als es rege Geschäftigkeit zugelassen hätte.
Dann wurde eine Tür geöffnet, wieder seine Schritte die langsam die Stufen erklommen, als hätte er alle Zeit der Welt. Das Kreischen, das zu einem Winseln abfiel, einem tierischen Jaulen, dann verebbte, abbrach und eine Leere zurückließ, die einem das Herz schmerzen ließ, mehr noch, als es der Schrei vermocht hatte.

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