Kalter Rauch – Jakob Valer Noaks heißester Fall :: Kriminalroman
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Klappentext:
Eine Leiche, eine abgebrannte Villa, ein ebenso abgebrannter Hauptverdächtiger und eine Menge widersprüchlicher Informationen halten Kriminalkommissar Jakob Valer Noak in Atem. Wird es ihm gelingen, den Dschungel an Informationen zu lichten und den Mörder hinter Gitter zu bringen?
„Endlich ein Buch das beweist, dass die Wahrheit nicht immer nur im Wein zu finden ist“
Der Pizzaservice
„Niemand anders als Suzanne Rèko konnte dieses Buch schreiben. Hervorragend!“
Jakob Valer Noak
„Amüsant, spannend und witzig ist Suzanne Rèkos Roman „Kalter Rauch“. Ein Muss für Krimifans!“
Der Speigel
Inhalt:
Der Brand einer Villa bei dem eine Person ums Leben kommt, setzt Leipzigs Hauptkommissar Jakob Valer Noaks Freizeitträumen ein jähes Ende. Denn bald nachdem er die Ermittlungen aufgenommen hat, wird für ihn immer klarer, dass es sich bei dem Unglück um einen kaltblütigen Mord handelt, bei dem nicht nur Geld und Gier, sondern auch Leidenschaft und Rache eine tragende Rolle spielen. Je tiefer er in den Fall eintaucht, desto mehr geraten seine Theorien in Widersprüche und Noak erkennt, dass der Mörder ein gut durchdachtes Spiel mit ihm treibt. Sowohl die Schulden des angeblich abgebrannten Besitzers, als auch das zufällige Verschwinden der besten Freundin der Toten, machen Noak die Arbeit schwer, dessen Ermittlungsteam unerwartet immer größer wird. So haben sich nach kurzer Zeit ein Privatdetektiv, eine Pizzalieferantin und ein Versicherungsvertreter in den Fängen des Verbrechens verstrickt, als es zu einem Showdown der anderen Art kommt.
Leseprobe:
Er konnte das Klirren ihres Schlüsselbundes hören, bevor sie den Schlüssel ins Schloss steckte und ließ den Whiskey in seinem Glas mit lockerem Schwung kreisen. Als sie die Tür aufstieß, nahm er einen genüsslichen Schluck, lehnte sich danach in den ledernen Armsessel zurück und lauschte ihren Schritten. Das dumpfe Geräusch mit dem der Schlüsselbund auf den Boden ihrer Tasche glitt, das Abstellen ihrer Handtasche im Flur, dies ärgerliche Hindernis – allmorgendlichen Stolperns ohne Ausnahme – bevor er das Haus verließ, das Rascheln ihres Mantels, als sie ihn auf den Garderobenhaken hängte, das Klicken ihrer Absätze, als sie aus den Pumps schlüpfte, das Tapsen ihrer Sohlen, mit dem sie den Gang entlang auf sein Zimmer zukam, das leise Klopfen, ihr unaufgefordertes Eintreten, mit dem Kopf voraus, den sie hereinsteckte, die schulterlangen blonden Haare, die bei dieser Bewegung nach vorne fielen, das träge Lächeln, das sie ihm schenkte – aus Gewohnheit – wie er dachte, dann die Schultern, ein langes Bein, das sich in den Raum schob – wie sehr hatte ihn dieser Anblick einmal erregt – und dann stand sie im Raum, strich sich mit einer müden Bewegung die Haare aus dem Gesicht – all das kannte er auswendig, wie eine zu oft geschaute DVD, die Wiederholung eines Ablaufes. Immer und immer wieder. Jeden Abend dies Klacken und Tappen und Klopfen und dann: „Hallo Simeon, hast du Hunger?“
Auch jetzt, und er hob das Glas noch einmal an seine Lippen.
„Nein“, erwiderte er, „ich habe schon gegessen.“
Sie kannte diese Worte. Es war wie ein Spiel zwischen ihnen. Immer wieder die gleichen Gesten, die gleichen Fragen und die gleichen Antworten.
„Schade“, sagte sie und zuckte mit den Achseln, wollte sich umdrehen und gehen, da durchbrach er die Routine.
„Ich bin heute noch mit einem Freund verabredet“, sagte er.
Durchbrach die tägliche Routine mit einer dreitägigen und sie reagierte, wie alle drei Tage: wandte sich ihm wieder zu, nickte und meinte: „Einen schönen Abend.“
Doch dieses Mal lag etwas in ihrem Blick, das ihm fremd war. Alle Routine, wie weggeblasen – durch einen undefinierbaren Blick ihrer dunkelblauen Augen. Auch er sah sie anders an als sonst, war es in diesem Fall nicht eine logische Konsequenz, dass sie mit dieser Fremdheit in ihren Augen reagierte? Doch sie waren Profis, nur wenige Sekunden schienen sie aus dem Gleichgewicht geraten, nur wenige Sekunden war der Text des allabendlichen Schauspiels aus ihren Gedanken gelöscht, sofort überspielten sie dieses kurze Schwanken: sie, indem sie sich umwandte und den Raum verließ und er, indem er das Glas ein weiteres Mal an seine Lippen führte. Er hörte sie die Stufen in den ersten Stock hinaufsteigen, dann war es still, als wäre sie noch nicht nach Hause gekommen und er saß noch kurz, in Gedanken versunken, dann erhob er sich, stellte das leere Glas auf seinen Schreibtisch, griff nach seinem Schlüsselbund und dem Sakko und verließ das Haus, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Sein Wagen parkte vor dem Haus. Nach einem kurzen Druck auf den Schlüssel entriegelten sich die Türen, er öffnete die Fahrertür, ließ sich ins Innere sinken. Anstarten, dann das Durchdrehen der Räder auf Kies und er hatte alles hinter sich zurückgelassen. An der Einfahrt des parkähnlichen Grundstückes, konnte er nicht widerstehen, kurz anzuhalten, zurückzusehen und leise zu lächeln. Dann gab er Gas und glitt schwungvoll auf die schwach befahrene Nebenstraße.
Der Morgen war frisch und klar, nur getrübt von einer Rauchwolke, Zeugin der Feuersbrunst, die bis vor wenigen Stunden hier gewütet hatte als Hauptkommissar Jakob Valer Noak aus seinem Auto stieg und unwillkürlich durch die Zähne pfiff, angesichts des Bildes der Zerstörung, das sich ihm bot. Er hatte das Haus gekannt, bevor es diesem Feuer zum Opfer gefallen war. Die fast herrschaftliche Villa, direkt am Cospudener See, mit Blick auf Leipzigs Vorboten am anderen Ufer. Es war eines der Häuser an denen ein Wohnungssuchender oder zukünftiger Hauskäufer mit großer Wahrscheinlichkeit vorbeikam, sehnsuchtsvollen, hoffnungslosen Schimmer in den Augen – niemals, nein niemals, könnte man sich ein Gebäude dieser Größe, dieser Lage leisten. Es stand auch nicht leer, würde es niemals und wenn, es wäre unerschwinglich, nur ein Traum am See. Nun hatte sich das Paradies gewandelt, war degradiert zu einer Ruine, einem Trümmerfeld aus glühenden Holzscheiten, der erste Stock fast vollständig niedergebrannt, das Erdgeschoß zahnlos, greisenhaft, nein eher ein Totenschädel mit dunklen starrenden Höhlen, dort wo einst Fenster die Sonne spiegelten. Doch nun gähnende Leere dahinter, hie und da eine dünne Rauchschwade, die daran erinnerte, dass es noch nicht gestorben war, das Feuer, zumindest noch nicht ganz. Ein schwaches Glimmen vereinzelt, Zischen, wenn Wasser auf heißen Stein tropfte, seine physikalische Erscheinungsform änderte und als Dampfwolke aufstieg. Fort wie dieses Haus und alles, was in ihm war. Schade um das Haus, dachte der Kommissar, Unglück verschont auch die Reichen nicht, nein, gerade die Reichen nicht. Sie hatten mehr, was verbrennen, was gestohlen werden, was verkommen konnte.
Langsam folgte er einem Beamten durch die Tür ins Innere, Ruß überall, auch im Löschschaum der Feuerwehr. Die Kollegen hatten die Treppe gesichert und so stiegen sie hintereinander in den ersten Stock hinauf.
„Dort drüben“, sagte der Beamte, „dort drüben liegt sie.“
Sie. Die Leiche. Arme und Beine verkohlt, nur der Rumpf war dem Feuer nicht vollkommen zum Opfer gefallen. Seiner Meinung nach eine Frau, aber das mussten die kriminalpolizeiliche Abteilung, sowie das Institut für Rechtsmedizin noch bestätigen, nach genauer Untersuchung. Er musste dann die Fakten zusammenführen, verknoten und zu einem plausiblen Bericht zusammenfassen: sie starb in ihrem Bett, hatte das Feuer nicht gehört, kein Fremdeinwirken, kein Mord, kein Fall für die Kripo, also auch nicht für ihn. Der Kieferknochen war ausreichend für eine Identifizierung vorhanden, es dürfte keine Probleme geben, vermutlich die Frau des Hauses. Ein Aufwand dieser Art, wahrscheinlich gar nicht vonnöten.
„Wurde sie bereits fotografiert?“ wandte er sich an den Beamten. Sie, die Leiche, erinnerte er sich still, nicht sie die Frau. Nicht schon von Tatsachen ausgehen, die noch nicht bewiesen waren.
„Natürlich, Hauptkommissar Noak.“ Er hatte nichts anderes erwartet. Die Kollegen arbeiteten schnell und gründlich. Das war deutsche Präzision, wie er sie liebte, nicht so temperamentvoll italienisch, Vernichtung der Beweise durch ausdrucksstarke Handbewegungen während des Gesprächs der Ermittler. Nein hier arbeitete man genau und gewissenhaft.
„Dann geben Sie die Leiche frei für die Ermittlungen“, ordnete Noak an und wandte sich zum Gehen.
Der jüngere Polizist folgte ihm.
„Zu Ihrer Information: dieses Haus ist Eigentum des Ehepaars Clarissa und Simeon Liebhardt“, erklärte der Beamte, „Herr Liebhardt war zum Zeitpunkt des Brandes außer Haus.“
Sie hatten die einst prachtvolle Eingangstür wieder erreicht und traten ins Freie. Frische Luft, Wohltat für die Lungen nach dem Gestank der Hölle, der Rauch hatte sich in Noaks Kleidern festgesetzt – jetzt musste er wieder alles zur Reinigung tragen. Das war der Preis für seine Arbeit, das und die Leichen.
„Wo ist Liebhardt jetzt?“
„Dort drüben“, der Polizist machte eine Bewegung mit dem Kinn in eine bestimmte Richtung, „er ist ein wenig außer sich, macht sich die größten Vorwürfe, nicht bei seiner Frau gewesen zu sein. Vielleicht wäre sie nicht tot, vielleicht hätte er ja das Feuer entdeckt und sie retten können.“
„Danke“, sagte Noak und ging auf den Mann zu, der neben einem Beamten auf einer gusseisernen Bank saß, schwieg, ins Nichts starrte. Hatte er alles schon gesagt? Alles schon erzählt? Sich alle Anklagen schon an den Kopf geworfen? Nun erschöpft verstummt, angesichts der Hilflosigkeit die Hinterbliebene quälte.
„Herr Liebhardt?“
Der Mann sah auf. Sein Haar war durcheinander, die Augen geschwollen, blickten müde, die Haut ein wenig grau über dem strahlend weißen Kragen seines Hemdes, das er unter einem dunklen Sakko trug.
„Ja“, sagte er und erhob sich, „Als ich kam, war die Feuerwehr bereits an der Arbeit.“
Er musste den Blick des Kommissars auf den Kragen bemerkt haben und wollte erklären, alles erklären. Vielleicht dadurch Antworten finden auf das Ereignis, das er sich nicht erklären konnte.
„Noak, Kriminalpolizei“, stellte dieser sich vor, „bitte setzen Sie sich wieder.“
„Kriminalpolizei?“ fragte Liebhardt und seine Lippen wurden noch bleicher.
„Reine Routine“, beruhigte ihn Noak.
Routine, dachte Liebhardt, sie kannte die Routine. Doch jetzt ist sie tot. Nun hatte die Routine ein Ende, hatte er gedacht, aber schneller als er sich versah, war sie wieder in sein Leben getreten. Aber es war zumindest die Routine eines anderen. Die der Polizei in diesem Fall, nicht seine – und nicht Clarissas. Es würde diese Routine niemals mehr geben.
„Sie waren also zu dem Zeitpunkt als das Feuer ausbrach, nicht zuhause?“ fragte Noak und griff in seine Hosentasche, um nach einem Kaugummi zu tasten.
„Das ist richtig. Ich war mit einem Freund etwas trinken. Ach wäre ich nur hier gewesen! Ich hätte sie womöglich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können!“
„Sie nehmen also an, dass Ihre Frau heute Nacht ein Opfer des Feuers wurde?“
Liebhardt schluckte. „Wer sonst?“ fragte er, „Wir wohnten zu zweit.“
„Ich bedaure Ihren Verlust aufrichtig“, sagte Noak, ein Satz, den er sich vor einigen Jahren bereitgelegt hatte, nachdem er immer wieder in Verlegenheit geraten war, gedankenlos vor sich hin zu stottern, wenn er mit Hinterbliebenen sprach. Das war seit damals vorbei. Dank diesem Satz: „Ich bedaure Ihren Verlust aufrichtig.“ Liebhardt nickte abwesend.
„Sie führten eine glückliche Ehe?“
Der Befragte fuhr sich mit einer Hand durch das dunkle Haar.
„Nun ja, Sie wissen schon, wie man eine Ehe halt so führt.“
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Noak, „ich bin nicht verheiratet.“
„Mit guten und mit schlechten Zeiten, mit allem Auf und Ab“, erklärte Liebhardt, „gerade gestern habe ich über uns nachgedacht. Ich wollte etwas ändern, unsere Beziehung wieder lebendiger machen. Zu viel Routine, verstehen Sie, zu viel Routine.“
Noak nickte. „Sie haben also gerade eine nicht so blühende Phase durchgemacht.“
„Blühende Phase, was für ein Wort, Herr Kommissar – ja aber durchaus passend. Steppe, wenn Sie verstehen, Steppe, Wüste, Sand überall, nur keine Oase.“
Floraische Analyse einer Ehe. Wüste. Nichts. Alles tot. Warum war Liebhardt dann traurig über ihren Tod? Spielte er Noak nur etwas vor – aus Pflichtbewusstsein – das gäbe ja einen schlechten Eindruck bei der Polizei, wenn er nicht erschüttert von dem Geschehen wäre? Oder schlicht wegen der Gewohnheit – würde ihm die Routine, von der er sprach, fehlen?
„Danke, dass Sie meine Fragen beantwortet haben. Nennen Sie bitte meinem Kollegen die Adresse Ihrer derzeitigen Unterkunft, dann brauche ich Sie nicht mehr.“
Derzeitige Unterkunft, so ein Blödsinn, der Mann hatte doch heute Nacht alles verloren. Woher sollte er wissen, wo er zurzeit wohnte?
Liebhardt – er hatte die Unsinnigkeit Noaks Bitte nicht bemerkt: „Ja.“ – machte eine fahrige Handbewegung und Noak wandte sich ab. Seine Anwesenheit hier wäre wirklich nicht nötig gewesen. Aber Routine. Sie konnte wirklich alles töten!
Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie Zuhause war, deswegen schloss er die Wohnungstür auf und trat ein. Müde, so müde, er ging den schmalen Gang entlang, stieß eine angelehnte Tür auf, ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Nichts regte sich, alles ruhig. Er ging zurück in den Flur, griff nach dem Telefon, wählte ihre Handynummer. „Der gewünschte Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar.“ Inbrünstiges Fluchen, durch zusammengebissene Zähne, er konnte nicht einmal eine Nachricht hinterlassen. Sollte er in ihrer Firma anrufen? Ach was, er wollte nicht, dass es wirkte, als würde er sie kontrollieren. Er konnte ihr am Abend immer noch alles erzählen. Nun erst einmal schlafen. Während er sein Hemd aufknöpfte, schleppte er sich in Richtung Schlafzimmer. Wie hatte alles nur so schief gehen können? Vollkommen daneben.
Noak brummte in seinen nichtvorhandenen Bart, als er sein Büro betrat. Die Stimmung noch immer gleich Null, hatte sich auf der Fahrt hierher nicht verbessert. Wie auch – das Wetter erinnerte ihn an einen freien Tag, den er fast gehabt hätte, wäre da nicht wieder diese Routine dazwischengekommen. Wiedereinmal. Nun galt es also ein Protokoll zu tippen – auf einem Computer, dessen Kühlung lauter lief, als der Dieselmotor eines Traktors, aber so war es, wenn man für den Staat arbeitete, maximales Denken unterstützt von minimalistischen Geräten, ein schlichter Stil, ja fast schon spartanisch. Ohne Schnörkel, ohne Verzierung nur geradlinig auf das vermeintlich Wesentliche beschränkt. Er hoffte, nicht allzu lange für diese Schikane polizeilicher Berichterstattung zu brauchen. Dann könnte er sein Mittagessen schon wieder als Normalbürger zu sich nehmen. Aber wer, der bei der Kripo arbeitete, war schon ein Normalbürger? Die Erinnerungen ketteten einen ständig an dieses abgeblätterte schmutzig gelbe Haus mit den trostlosen, matten Scheiben; wie der Geruch von Rauch, hafteten sie ihnen an und ließen sich nicht so leicht abschütteln und zur Reinigung tragen konnte man sie auch nicht. So gab es kein Entrinnen für Noak und seine Kollegen auch wenn sie sich das manchmal wünschten. Oberkommissarin Trientje Gronwald trat ein während sie an die Tür klopfte, schneller als ihr Schatten oder ein „Herein“ seinerseits, aber so war sie – war ja auch ihr Zimmer, wie er sich ungern eingestehen musste – baute sich vor seinem Schreibtisch auf und blickte ihn abwartend an. Es fiel ihm nicht schwer, den Blick von dem Startprogramm des PCs zu lösen und sie anzusehen, drahtige Figur, schlank, aufmüpfig, aber ein netter Anblick.
„Jako Valer Noak“, meinte sie mit Grabesstimme, deren Ernst von einem schadenfrohen Lächeln abgelöst wurde, „es könnte sein, dass dein freier Tag heute wie Asche durch deine Finger geronnen ist.“
Noak lüpfte die Augenbrauen, ein wenig fragend, doch eigentlich mehr verstimmt, musterte sie, sagte nichts, grummelte nicht einmal zwischen zusammengebissenen Zähen, war still. Einfach still, ohne Ton oder Empörung.
„Die ersten Berichte der Spurensuche sind bereits eingetroffen“, erklärte sie nun, da er einfach nur still war und kein Wort über die Lippen brachte, „Auch die Feuerwehr hat bereits ihre erste Vermutung was die Brandursache angeht, bestätigt und Herr Finke von Liebhardts Hausversicherung wartet auf deinen Rückruf.“
„Welch ein Aufhebens wegen einem abgebrannten Haus“, fluchte Noak, sein freier Tag war weg, einfach so, als hätte es ihn nie gegeben.
„Ich entnehme deinem Gesichtsausdruck, dass du mir in wenigen Sekunden einige pikante Details mitteilen wirst“, fügte er noch leicht sarkastisch hinzu.
Sie setzte sich und legte die Papiere, die sie bis zu diesem Augenblick in Händen gehalten hatte, vor ihn auf die Schreibtischplatte.
„Es tut mir wirklich leid, wegen deinem freien Tag.“
Der Spott aus ihrer Miene war verschwunden, ja er glaubte ihr, sie hatte nur getan, als würde sie sich über seine Überstunden freuen – vielleicht freute sie sich ein bisschen, denn sie war nicht gerne allein im Büro. Ihn störten die ruhigen Stunden, wenn sie einmal nicht hier war, keineswegs. Gronwald war zeitweise sehr mitteilsam und er überwiegend schweigsam. Diese Kombination fast tödlich. Fast. Sie hatten immerhin schon ein Jahr im gleichen Büro überlebt. Ihr Computer war schon längst hochgefahren und ratterte gleichmäßig im Dieseltakt. Er griff nach einem leeren Zettel und einem Stift und begann Strichmännchen in unterschiedlichen Posen über das Papier wimmeln zu lassen. Manche hasteten eilig, andere spazierten gemächlich, ein Schifahrer wedelte über eine Piste, an deren Ende eine Gruppe Schihäschen Tassen schwenkte, ein kleiner See entstand, am Ufer Kinder die Steine hinein warfen, beschauliche Idylle, Beschäftigungen, denen er an einem freien Tag hätte nachgehen können, die jedoch nun, wegen Rauch und Asche, nur auf seinem Papier stattfanden.
Kurz beobachtete Gronwald den Ausdruck seines Frustes, dann erklärte sie: „Die Feuerwehr geht von Brandstiftung aus, der Tresor war aufgebrochen und der Versicherungsheini möchte sich an der Aufklärung des Falls beteiligen, denn das Haus und die Einrichtungsgegenstände waren in Höhe von 6 Millionen Euro versichert und wie das bei Versicherungen üblich ist, wollen sie nicht zahlen und suchen jede Möglichkeit, sich aus ihrer Verantwortung herauszuwinden.“ Noak malte ein paar Flammen, dann blickte er endlich auf. Widerwillig, ein wenig resigniert und schicksalsergeben.
„Dann sollten wir Liebhardts Alibi überprüfen, Trientje, seine Adresse, hast du?“
Sie nickte und tippte mit einem Kuli auf einen Absatz eines der Schreiben.
„Wieso sollte er es getan haben? Hätte er nicht zumindest seine Frau gewarnt, bevor er Feuerteufel spielte?“
Gronwald beobachtete, wie er sich über die Berichte beugte. Sein Interesse war geweckt, der Einsatz am Morgen nicht umsonst, da stand mehr dahinter, vielleicht ein Mord oder Betrug, zumindest aber eine millionenschwere Summe.
„Oder hatten sie Eheprobleme und er hat gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erledigt?“ bohrte sie weiter, da er nicht antwortete.
„Wie würdest du deine Ehe bezeichnen?“ wollte er unvermittelt wissen und hob den Kopf, „Glücklich?“
Sie runzelte die Stirn. „Streckenweise ja. Manchmal, ach du weißt schon.“
„Ich weiß nicht“, grunzte er.
„Ach ja, stimmt. Manchmal könnte ich Florian zum Mond schießen“, gestand sie und zuckte mit den Achseln.
„Er dich wahrscheinlich auch“, stellte Noak trocken fest und sie grinste. Nicht böse, einfach amüsiert.
„Warum fragst du?“
„Liebhardt sprach von Routine, von guten und schlechten Zeiten, von Wüste und Oasen.“
„Wüste und Oasen?“
Noak hob die Schultern etwas an, ließ sie wieder fallen. Er brauchte sie nicht in der Höhe, tiefer waren sie angenehmer.
„Und weiter?“ forderte sie nach einer Weile, da er keine Anstalten machte fortzufahren.
„Nichts weiter, er schien nicht wirklich zufrieden mit ihrer Beziehung zu sein.“
„Das sind viele Paare nicht. Das heißt noch lange nicht, dass er sie umgebracht hat.“
„Hatten sie finanzielle Probleme?“
„Ostenwaller und Leine gehen dem gerade auf den Grund. Liebhardt ist Chemiker und hat anscheinend schon mehrere Patente an unterschiedliche Konzerne verkauft. Auf den ersten Blick scheint es nicht, als hätten sie auf diesem Gebiet einen Engpass. Und seine Frau arbeitete als Marketing-Chefin eines größeren Reisebüros. Wie Leine bereits herausgefunden hat, sollte sie heute in die Vereinigten Arabischen Emirate reisen um potenzielle Partner zu treffen und Hotelanlagen zu besichtigen. Dazu ist es wohl nicht mehr gekommen.“
Noak stand auf und streckte sich. „Und das alles ohne Kaffee.“
„Wir können unterwegs bei Mc Donald´s stehen bleiben, wenn du willst.“
Er kramte erneut in den Taschen nach einem Kaugummi. Komisch, dachte er, heute morgen hatte er ganz vergessen, ihn in den Mund zu stecken. Dafür tat er es jetzt, für guten Geschmack und angenehmen Atem, roch eh besser so ein Kaugummi-, als ein Kaffeeatem, zweifellos, er sollte auf den Kaffee verzichten, wenn es nur nicht so schwer fiele! Kaffeetrinken stand fast in der Stellenbeschreibung wie bei Krankenschwestern und Ärzten, wer nicht trank war sicherlich auf Drogen oder auf Wasserpfeife oder von einem anderen Stern, obwohl Wasserpfeife ja wirklich nichts mit Rauschgift zu tun hatte. Also doch eher Drogen oder anderer Stern, die Wasserpfeife streichen, ganz weglassen. Mittlerweile traten sie ins Freie.
„Leine soll auch mitkommen“, sagte er und kaute langsam.
Der Dienstwagen war heute Gronwalds Karre, der Staat abgewirtschaftet, das Kommissariat ohne ausreichende Mittel, deswegen die Fahrzeuge knapp. Es wurde gerne gesehen, wenn man mit dem Privatwagen fuhr. Sie warf ihm den Autoschlüssel zu, deutete in eine Richtung und er machte sich auf die Suche nach dem Auto. Müde ließ er den Kopf auf die Rückenlehne zurückfallen und trauerte ein letztes Mal seinem freien Tag hinterher.
Er hörte das Läuten nicht sofort und schreckte auf, als es in sein Bewusstsein drang. Er hatte tief geschlafen, zu tief vielleicht für einen Mann, der vor kurzem alles verloren hatte, auf das er stolz war. Nein, alles stimmte nicht, fast alles. Da gab es noch Melanie und diese Wohnung und das Bankschließfach. Wer konnte das sein? Natürlich die Polizei, wer sonst oder ein Postbote? Mühsam rappelte er sich auf und taumelte zur Tür, betätigte die Gegensprechanlage. Noak, der Kommissar von heute morgen, schoss es ihm durch den Kopf, so schnell? Mit zitternder Hand drückte er den Summer, noch hatte er sich nicht ganz unter Kontrolle, er hatte nur mehr kurz Zeit, sich zu fassen, die Träume abzuschütteln, die Ängste, die Sorgen, die Beunruhigung. Was wollten sie von ihm nach so kurzer Zeit? Hatten sie etwas entdeckt? Etwas? Was?
„Noak, Sie erinnern sich?“
„Natürlich.“
„Herr Liebhardt, meine Kolleginnen Gronwald und Leine.“
Liebhardt nickte den Frauen schnell zu.
„Dürfen wir hereinkommen?“
Er trat einen Schritt zurück und öffnete die Tür ganz. Dann ging er ihnen ins Wohnzimmer voraus.
„Dürfte ich kurz ihre Toilette benutzen?“ wollte Kommissarin Leine verschmitzt wissen, „Ich bin schwanger und …“
„Kein Problem. Das Bad ist gleich hier rechts.“
Wie machte sie das bei einer Verfolgungsjagd, überlegte Liebhardt, aber nein, sie stand ja unter Mutterschutz, da war es aus mit derartigem Nervenkitzel. Wahrscheinlich war er ihnen nicht gefährlich genug, sodass sie mitkommen durfte. Ein gutes Zeichen? Entlastend?
Er bot Gronwald und Noak einen Platz an und setzte sich ebenfalls.
„Verzeihen Sie bitte mein Erscheinungsbild, ich habe gerade geschlafen, wie Sie wissen, war die Nacht lang. Viel zu lang.“
„Wir werden Sie nicht lange aufhalten.“
Kein Wort des Bedauerns. Dieser Noak kam gleich zur Sache, kein Mann vieler Worte, dafür lächelte seine Kollegin freundlich, ein wenig aufmunternd, fast so, als bäte sie ihn, nachsichtig mit dem anderen Mann zu sein. Er nickte kurz in ihre Richtung.
„Wo waren Sie um 0.30 Uhr?“
Wirklich, ein Mann weniger Worte, keine Einleitung, kein Präludium, einfach so, mit einem Streich zur Todesarie, zum Todesstoß des Matadors. Liebhardt schluckte.
„Ist das der geschätzte Zeitpunkt, zu dem das Feuer ausgebrochen ist?“
Die Kommissarin nickte. Noak sagte nichts, er starrte ihn nur an, wartete auf eine Antwort, nicht auf eine Frage. Er stellte sie nur einmal, es war an ihm zu fragen, nicht an dem anderen, der sehr bleich wirkte im Augenblick, aber war das verwunderlich?
„Ich war, lassen Sie mich nachdenken“, er griff sich mit der Hand an den Kopf, in dem Moment kehrte Leine von der Toilette zurück und setzte sich auf einen freien Stuhl, „mit meinem Freund unterwegs, das war ich den ganzen Abend, in der Stadt übrigens, nicht in Markkleeberg, Sie können ihn fragen. Bin erst um drei Uhr nach Hause zurückgekehrt, da war die Feuerwehr schon da und es war dunkel, nur unser Haus hat gebrannt. Ich hab den Rauch schon von Weitem gesehen und mich gefragt, was da los ist, wie hätte ich auch ahnen können …“
„Haben Sie Schulden, Herr Liebhardt?“ wieder Noak, er schoss die Fragen wie Feuerwerkskörper ab. Der Angesprochene zuckte ein wenig zusammen, sein Blick schweifte hilfesuchend zu Gronewald, doch auch sie wirkte interessiert.
„Ja“, gestand er leise, „meine Frau hat sich an der Börse verspekuliert.“
Das klang nicht gut, nein, es würde ihn belasten, ihm ein Motiv geben, das wusste er.
„Die Tilgung der Versicherung für Ihren Verlust wäre in diesem Fall willkommen“, stellte Noak fest.
„Ja, in gewisser Weise“, leugnen würde nicht helfen, sie würden es herausfinden, „aber wieso sollte ich mein Haus niederbrennen? Ich hätte es verkaufen können, Grundstück am See, Sie haben die Aussicht gesehen. Dafür wird viel gezahlt.“
Noak ließ sich nicht anmerken, was er dachte.
„Wessen Wohnung ist das hier?“ wollte nun Leine wissen. Sie wirkte ein wenig so, als wäre sie dabei ertappt worden in der Zuckerdose eines Fremden gewühlt zu haben, aber vielleicht bildete er es sich auch nur ein und es war das schlechte Gewissen, das ihn nun zu solchen Vermutungen verleitete. Er sollte nicht so viel denken, einfach antworten. Was war die Frage gewesen? Ach ja, die Wohnung, wem sie gehörte, „Melanie Richter.“
Er konnte sehen was sie dachten, so fügte er schnell hinzu, „Sie war die beste Freundin meiner Frau.“
„Haben Sie Frau Richter heute schon gesehen?“
Wieder Leine. Sie war wahrscheinlich bei Noak in die Lehre gegangen. Kein einziges überflüssiges Wort. Er sah, dass Noak ihr einen fragenden Blick zuwarf, das war aber auch schon das höchste der Gefühle, das er zeigte.
„Nein“, antwortete Liebhardt, „Als ich hier ankam, war sie bereits in der Arbeit.“
„Wie konnten Sie sich Zugang hier herein verschaffen?“
Nein, hatte er sich jetzt verraten? Nicht lügen, das würde gegen dich sprechen, die Gedanken jagten sich in seinem Kopf.
„Ich besitze einen Schlüssel.“
Nun war es heraußen, er würde den Verdacht nicht mehr abwenden können, jetzt nicht mehr …
„Haben Sie ein Verhältnis mit Frau Richter?“ Noak.
Oh Gott! Wenn er es zugab hatten sie gleich zwei Motive, eines davon sogar für einen Mord. Die Schlinge zog sich enger um seinen Hals, er konnte sie fast spüren.
„Ja“, flüsterte er, „seit zwei Jahren.“
„Wusste Ihre Frau davon?“
„Nein.“
Kurz war es still. Gleich würden sie ihn verhaften, gleich würden sie die Anschuldigung aussprechen. Gleich.
„Haben Sie mit Frau Richter heute schon telefoniert?“ Wieder Leine.
„Nein. Das heißt, ich habe versucht, sie auf dem Handy zu erreichen, aber sie muss es abgeschaltet haben.“
„Wissen Sie, wo sie sich im Moment aufhält?“
Er konnte sehen, dass auch Noak nicht wusste, worauf seine Kollegin hinauswollte und Gronwald wahrscheinlich auch nicht. War es verwunderlich, dass auch er keinen blassen Schimmer hatte, wieso sie solche Fragen stellte?
„Ich denke, sie ist in der Arbeit.“
„Waren Sie, seit Sie hierher gekommen sind, schon einmal auf der Toilette?“
Nun konnte auch Noak sein Pokerface nicht mehr unter Kontrolle halten.
„Was?“ stieß er hervor und musterte Leine, als wäre sie nicht mehr bei Verstand, doch sie ignorierte diesen Ausruf ruhig.
„Nein“, antwortete Liebhardt.
„Das habe ich mir gedacht“, sagte sie, „denn sonst wüssten Sie, dass Frau Richter heute Morgen ein Flugzeug in Richtung Houston bestiegen hat, Sie bittet, Ihren Schlüssel in den Postkasten zu werfen und aus ihrem Leben zu verschwinden. Es steht auf einem „Post-it“, das auf dem Spiegel klebt.“
„Was?“ rief nun Liebhardt fassungslos aus, sprang auf und stürzte ins Bad.
Noak starrte Leine an, Gronwald blickte von einem zum anderen.
„Die Sache wird immer interessanter“, stellte sie schließlich fest, verworrener, verwickelter, undurchschaubarer. So hatte sie es gern, wenn die Arbeit und mit ihr die Zeit verflog, husch, mit einem Streich waren fünf Stunden um, da war man gefordert, das machte Spaß.
Ja, da hing das „Post-it“ tatsächlich, unübersehbar, gelb, quadratisch in der Mitte des Spiegels. Er konnte nicht glauben, was er las, war es möglich und er hatte auch Melanie verloren? Melanie und die Wohnung, blieb nur mehr das Bankschließfach, erinnerte er sich bereits gedachter Gedanken. Wie war es möglich – warum Melanie? Sie hatten sich doch so gut verstanden, nicht nur im Bett, nein mit ihr konnte man reden, lachen, wenige Augenblicke sein, wie man war, dann, wenn der Chemiker abfiel, der untreue Ehemann, der erfolgsverwöhnte Workaholic. Das konnte er nur bei ihr, niemals bei Clarissa, sie wollte ihn in seiner Rolle sehen, der Rest interessierte sie nicht, doch das war nun ohne Bedeutung, angesichts der Tatsache, dass Melanie ihn verlassen hatte, jetzt wo er frei war immer bei ihr zu bleiben. Er sollte versuchen sie zu erreichen, aber da saßen noch Polizisten in dem Wohnzimmer, wahrscheinlich warteten sie darauf, dass er zurückkam. Das sollte er auch tun, nur noch einmal durchatmen, tief durchatmen, die Verzweiflung aus den Lungen pressen. Es hatte keinen Sinn sich jetzt fertig zu machen. Im Moment war alles zu viel, zuerst das Haus, dann Clarissa, nun Melanie und die Wohnung. Hier konnte er also nicht bleiben. Aber wohin sollte er gehen? Vielleicht, dachte er bitter, stellt sich diese Frage in wenigen Minuten sowieso nicht mehr, wenn sie ihm mitteilten, dass er sie begleiten sollte. Aufs Revier, wie sie es nannten, oder Kommissariat oder einfach nur mitkommen, ohne Revier.
„Wir möchten, dass Sie uns zur Polizeidienststelle begleiten“, sagte Noak, als er zurückkehrte – ja, Polizeidienststelle, ein Wort, an das er nicht gedacht hatte.
Armes Schwein, dachte der Kommissar bei sich, sieht nicht gut aus für ihn, gleich zwei Motive, ob er mit seiner Geliebten nicht darüber gesprochen und sie ihn wegen Aussichtslosigkeit auf eine gemeinsame Zukunft verlassen hatte? Ob Liebhardt es bereute das Haus angezündet und seine Frau um die Ecke gebracht zu haben, jetzt, da Frau Richter Reißaus genommen hatte? Es war nicht seine Sache, sich darüber Gedanken zu machen, meinte Noak und erhob sich, Leine und Gronwald folgten seinem Beispiel.
„Bin ich jetzt verhaftet?“ wollte Liebhardt wissen, Angst schwang in seiner Stimme, auch Entsetzen – er und verhaftet, mit Handschellen abgeführt, nein, das konnte nicht sein, nicht er, ein anderer.
„Nein“, antwortete Gronwald, „wir bitten Sie lediglich darum, uns in den nächsten Stunden zur Verfügung zu stehen, da es einige ungeklärte Punkte in Zusammenhang mit dem Brand gibt. Der Tresor war aufgebrochen.“
Er schluckte, natürlich, daran hatte er gar nicht mehr gedacht. Der Tresor.
„Oh“, machte er und folgte den Polizisten den Gang entlang zur Eingangstür. Leine warf ihm einen schnellen Blick zu, öffnete die Tür, ließ alle vorbeigehen und verließ dann die Wohnung als Letzte.
Kommissar Ostenwaller wartete schon in Noaks Büro, ein wenig aufgeregt, er konnte es kaum erwarten, die Neuigkeiten loszuwerden, so ging er auf und ab, fuhr zu den Ankommenden herum, als sich die Tür öffnete und atmete erleichtert aus.
„Ostenwaller“, sagte Noak nur, erfasste mit einem Seitenblick sein Gegenüber und ließ sich dann auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch fallen. Leine kümmerte sich im Nebenzimmer um Liebhardt und Gronwald lehnte sich an ihren Schreibtisch.
„Erzähl schon“, forderte sie, um die Geduld des junge Mannes nicht länger auf die Folter zu spannen – sie wusste wie es war, wenn man etwas mitzuteilen hatte. Ostenwaller hielt die Luft an, blickte kurz zu Noak, der nur nickte, dann stieß er hervor: „Es gab keine Schulden. Im Gegenteil.“
Noak runzelte überrascht die Stirn und Gronwald verschränkte die Arme vor der Brust.
„Keine Schulden? Sind Sie sicher?“
Was hatte es mit der Börsenspekulation von Frau Liebhardt auf sich, die ihr Mann erwähnte? Hatte er doch, er hatte zugegeben, dass sie Schulden hatten, aber diese Schulden mussten doch irgendwo sein. Er machte Gronwald ein Zeichen, die verließ sofort den Raum, kehrte wenige Minuten später mit Liebhardt im Schlepptau zurück. Der blickte vollkommen zerstört, seine fahle Gesichtsfarbe hatte sich nicht zum Besseren gewandelt.
„Sie haben uns belogen“, sagte Noak und Liebhardt zuckte ertappt zusammen.
„Ich, ich …“, stotterte er, „weiß nicht, wovon Sie sprechen.“
Natürlich nicht, dachte Noak, sie wussten niemals wovon die Polizei sprach, die dachte sich verschiedene Details einfach aus, ohne jegliche Grundlage, einfach so zum Spaß. Ja, sie waren im Kindergarten, spielten Katz und Maus, nur wusste der Hase nicht, worum es ging – der Hase, der die Spielregeln erfunden hatte.
„Natürlich wissen Sie es nicht“, schnauzte Noak, „Sie sind unschuldig wie ein Baby.“
Seine Nerven waren gespannt, das Gestammel und Leugnen des Tatverdächtigen ging ihm gehörig auf den, naja, sonst wohin.
„Oh“, kam es wieder von Liebhardt, „es war keine Absicht, aber wenn ich es gesagt hätte, dann … ich habe es nur verschwiegen, nicht direkt falsch gesagt …“
„Ach halten Sie den Mund“, unterbrach ihn Noak, Liebhardt biss sich auf die Lippen, warf einen Blick zu Gronwald, ihre Miene hatte sich verschlossen, als dächte sie angestrengt nach.
„Wieso wollen Sie sich belasten und nicht entlasten?“ fragte sie plötzlich und er starrte sie an, fassungslos, auch verwirrt, das Haar auf seinem Kopf drückte seine innere Stimmung perfekt aus, zerzaust, durcheinander, vollkommen aus dem Rahmen gefallen.
„Aber das will ich nicht, glauben Sie mir … wieso entlasten? Belasten? Ich verstehe nicht, der Tresor, ich habe ihn wirklich vergessen.“
„Wir sprechen nicht von dem Tresor, verdammt noch einmal“, brauste Noak auf, Ostenwaller zuckte zusammen, synchron mit Liebhardt, eine glatte Zehn im Synchronspringen bei den olympischen Spielen – erreichte sonst nur China, aber das konnten sie hier auch, auf dem Kommissariat oder der Polizeidienststelle, wie Noak diesen Ort genannt hatte.
„Nicht von dem Tresor?“
Er ist ein guter Schauspieler, dachte Noak, stellt sich dumm und das überzeugend.
„Nein“, erklärte Gronwald, „wir sprechen von Ihren Schulden.“
Liebhardt sagte kein Wort, blickte sie nur verständnislos an, der Boden unter ihm hatte sich aufgetan, eine Falltür, er wusste nicht, wo er aufschlagen würde, in welchem finsteren Raum, nur weit, weit weg von hier und allem was er kannte.
„Wie es aussieht, haben Sie keine Schulden, zumindest nicht bei einer der großen Banken.“
„Wie bitte? Keine Schulden?“
Noak trommelte mit den Fingern auf seine Schreibtischplatte.
„Für mich war es heute auch früh, also strengen Sie bitte ebenfalls Ihre kleinen grauen Zellen an. Warum, reden Sie von Schulden, wenn Sie gar keine haben?“
„Aber“, stotterte er, „aber, ich habe welche! Riesige! Siebenstellige!“
Sie konnten doch nicht so einfach verschwunden sein, er hätte nie zu hoffen gewagt, dass sie gemeinsam mit dem Haus verbrannt waren, nun das. War er in einer anderen Welt? Hatte er etwas nicht mitbekommen oder waren die bei der Polizei einfach wahnsinnig? Alle drei und die Schwangere? Die war im Moment nicht da. Nun warfen sie einander Blicke zu, als würden sie an seinem Geisteszustand zweifeln, aber er war doch nicht blöd, das konnte ihm keiner unterstellen …
„Bei welcher Bank haben Sie Ihre angeblichen Schulden?“ Noaks Stimme war erstaunlich ruhig.
„Ich habe keine Ahnung bei welcher Bank oder welchem Gläubiger“, wieso hatte er sich nie erkundigt? Die Routine unterbrochen und eine Frage gestellt? „Meine Frau erzählte mir von ihrem Dilemma.“
„Und sie können wir jetzt nicht mehr befragen. Wahrscheinlich sind alle Hinweise mit ihr in dem verdammten Haus verbrannt.“
Wieder zuckte Liebhardt bei den Worten des Kommissars zusammen. Verdammtes Haus hatte er gesagt, das war es nicht gewesen, wirklich nicht und was konnte er dafür?
„Wahrscheinlich“, meinte nun Liebhardt wütend. Diese Unterstellungen machten ihn wirklich krank!
„Wie praktisch für Sie“, fauchte Noak, „aber wir werden es herausfinden, verlassen Sie sich darauf!“
Drohte er ihm, drohte er Liebhardt mit der Wahrheit? Sollte er – von ihm aus konnte er sich die Zähne ausbeißen und es störte ihn nicht, wenn sich die Schulden in Luft aufgelöst hatten, im Gegenteil, in gewisser Weise befreite es ihn …

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