Schon seit längerer Zeit geistert eine Idee für ein Buch durch meinen Kopf. Es soll in der Zukunft spielen. In Leipzig. Einem Leipzig, von dem ich niemals hoffe, dass es sich zu dem Leipzig meiner Gedanken verändert. Einige Dinge, die ich beobachte, erschrecken mich und scheinen genau in diese Richtung zu weisen. Deswegen erschaffe ich in meinem Buch eine Konsequenz. Vielleicht ist sie ein wenig düsterer, vielleicht ein wenig grauer als es die Realität sein wird - das ist zumindest meine Hoffnung.
“Graffiti” lautet der Titel und ich nehme Sie mit auf die Reise, zur Entstehung dieses Romans. Dies soll ein Versuch sein, ich weiß nicht, ob es klappt, kann auch nicht garantieren, dass dieses Buch jemals fertig gestellt wird. Was natürlich zu einer gewissen Spannung beiträgt …
Graffiti
…Schwer empört schau ich das wilde
Denkmal wilder Menschenart …
Sieh – da winkt versöhnlich milde
Auch ein Gruß der Gegenwart:
Schwindlig ob des Abgrunds Schauer
Ragt des höchsten Giebels Zack
Und am höchsten Saum der Mauer
Prangt der Name — KISELAK.
Joseph Victor von Scheffel
Leipzig im Jahre 2051
Die Scheibe war kalt. Trotzdem presste Abadi seine Nase dagegen und starrte mit großen Augen auf die vorbeiziehende Landschaft. Die aufgehende Sonne zeichnete ein trostloses, trübes Bild der Verwahrlosung. Abadi ballte eine Hand zur Faust. Wie so oft in den letzten Stunden konnte er kaum fassen, dass dies jenes Deutschland war, das vor nicht allzu langer Zeit zu einem der reichsten Länder weltweit gezählt hatte. Was er sah erschütterte ihn. Mittlerweile kreuzten vereinzelte Häuser seinen Blick, die schnell an Dichte gewannen. Sie näherten sich Leipzig. Graue, mit Graffiti beschmierte Wohnblocks zogen an ihm vorbei und wurden vom Nebel verschluckt. Abadi fühlte Tränen aufsteigen und löste sich vom Fenster. Als er mit dem Handrücken über seine Nase fuhr, fühlte er ihre Kälte.
„Ich kann verstehen, wie du dich fühlst“, hörte er die Simme seiner Mutter hinter sich. „Ich hoffe, du wirst eines Tages verstehen, weshalb wir hierher kommen mussten.“
Seit sie die deutsche Grenze passiert hatten, sprachen sie Deutsch miteinander. Seit Jahren hatten sie sich auf diesen Tag vorbereitet.
Abadi schwieg. Er konnte einfach nicht glauben, von nun an in dieser Stadt zu wohnen, deren Trostlosigkeit nichts mit der dem sonnigen Strahlen in Eritrea gemeinsam zu haben schien.
„Du bist stark“, fügte nun sein Vater hinzu. „Du bist vorbereitet, mein Sohn. Du weißt, dass du eine Aufgabe hast.“
Abadi schluckte, wich dem Blick seines Vaters jedoch nicht aus.
„Ja“, murmelte er. „An die feindlichsten Universitäten, nicht wahr?“
Abadis Vater nickte. Im gleichen Moment hielt der Zug mit einem Ruck im Kopfbahnhof der Stadt Leipzig.
Als sie auf den Bahnsteig traten, stieß die Lokomotive ein tiefes Seufzen aus.
„Eine Dampflock, kannst du dir das vorstellen?“, wiederholte Abadi die Worte, die er bereits beim Einsteigen ausgestoßen hatte.
Leichter Nieselregen strich über seine Haut und er hob das Gesicht, um nach oben zu blicken. Vor langer Zeit musste der Bahnhof ein architektonisches Meisterwerk gewesen sein. Doch nun verhöhnte gähnende Leere, wo einst Scheiben gewesen sein mussten, jeglichen Architekturgedanken. Schnell senkte er den Kopf. Er wollte es nicht sehen. Er wollte sich der Nacktheit und Erbärmlichkeit dieser Stadt nicht in diesem Augenblick schon stellen. An den Blick, den sich seine Eltern in diesem Moment zuwarfen, würde er sich sein Leben lang erinnern. Eine Endgültigkeit und eine Aufmunterung lag darin und beides schien ihre Ankunft an diesem Ort zu besiegeln.
Abadis Mutter straffte ihre Schultern.
„Zuerst einmal brauchen wir ein Dach über dem Kopf“, sagte sie und steuerte auf einen Infostand zu.
Die schwere Tasche in ihrer Hand schien sie vergessen zu haben. Abadi und sein Vater folgten ihr.
„Guten Tag“, begrüßte sie die Frau hinter der Theke freundlich. „Wissen Sie, wie man hier zu einer Wohnung kommt?“
Die Bedienstete starrte Abadis Mutter mit großen Augen und offenen Mund an.
„Neger“, murmelte sie ungläubig und ein wenig abwertend.
Überrascht drehte sich Abadis zu seinem Vater. „Sie spricht Latein!“, meinte er fasziniert.
„Nein.“ Abadis Vater schüttelte den Kopf. „So bezeichnet man hierzulande abfällig Schwarze. Ich wette, die Frau weiß nicht einmal, dass neger Schwarz im Lateinischen heißt.“
„Oh.“ Abadi biss sich enttäuscht auf die Lippen.
„Du Wohnung wollen?“ Die Bedienstete der Deutschen Bahn hatte sich mittlerweile dazu entschlossen, zu antworten.
„Ja, das haben Sie richtig verstanden. Aber Sie können mit mir gerne normales Deutsch sprechen. Ich verstehe Sie, keine Angst.“
„Was ist Phase1 Du haben Problem, oder was? Ich Deutsch sprechen.“
„Sie spricht Kanaksprak“, hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich und alle drehten sich zu einem alten Mann um, der hinter Abadis Vater stehen geblieben war. „Kanak Sprak ist mittlerweile Amstsprache in Deutschland.“
Nun war es an Abadi und seinen Eltern, erstaunt zu blicken.
„Wie bitte?“, stammelte Abadis Mutter.
„Darf ich mich vorstellen? Leon von Leipzig.“
Fortsetzung folgt …
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