Suzanne Réko, Schriftstellerin:

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Mo
31
Mrz '08

Die FHL-Lesebühne

FHL Lesebühne Flyer

Ich muss ehrlich gestehen, ich war von dem bunten Programm und der angenehmen Atmosphäre bei der FHL-Lesebühne angenehm überrascht! Wie Henner Kotte meinte, bei weitem eine bessere Unterhaltung, als sich vor dem Fernseher den “Tatort” reinzuziehen. So las Horst Gutwasser einige seiner äußerst amüsanten Gedichte, Uwe ließ uns Anteil haben an seiner Vergangenheit als Obdachloser, was sehr bewegend war, jemand gab aus einem antiken Giftmischerbuch einige Absätze zum Besten, auch durften wir Teil haben an der Sicht Mephistos über Goethe, einige Gedichte eines jungen Psychologiestudenten regten einen zum Lachen und Schaudern an und auch wurden Gedichte eines Schriftstellers der DDR (ich habe blöderweise seinen Namen nicht richtig verstanden) gelesen. Doris Reinthaler las ebenfalls, genau wie ich.

Ich kann an dieser Stelle die FHL-Lesebühne wirklich emfpehlen und habe selbst vor, öfter dort vorbei zu schauen! Bei meinen zukünftigen Streifzügen, möchte ich einige der Texte mitnehmen und auf meine Homepage stellen. Wenn einer von euch, die ihr am 30. bei der FHL-Lesebühne gelesen habt, diese Zeilen lest, dann mailt mir doch bitte und schickt mir ein paar eurer Texte! Das würde mich riesig freuen!

Mi
26
Mrz '08

Graffiti, Fortsetzung 2

„Darf ich mich vorstellen? Leon von Leipzig.“
Er schüttelte den drei Ankömmlingen der Reihe nach die Hand.
„Hallo, Alter, du nicht einfach so rumasseln1 können!“, schimpfte nun die Schalterbeamtin.
„Verzeihen Sie, junge Dame, ich denke, es ist angebracht, dass ich mich um die Gäste aus dem Ausland kümmere.“
„Denkst wohl, du bist hier der Obermacker, du Hunk2!“
Drang es hinter dem Schalter an ihre Ohren.
„Es tut mir leid, ich verstehe Sie nicht“, murmelte Abadis Mutter.
Leon von Leipzig griff sanft nach ihrem Arm und zog sie ein wenig von dem Infostand fort.
„Ich habe keine Lust, mich länger beschimpfen zu lassen“, meinte er mit einem resignierten Lächeln und zog seine Hand wieder zurück. Abadi und sein Vater folgten den Beiden, die einige Meter entfernt stehen geblieben waren.
„Wir sind gerade hier angekommen“, erklärte Abadis Mutter.
„Nun, da haben Sie sich wohl den schönsten Ort der Welt erwählt“, meinte Leon sarkastisch.
„Nun ja“, räusperte sich Abadis Mutter und warf ihrem Mann einen schnellen Blick zu.
„Wir haben vor, einige Zeit zu bleiben. Vielleicht auch für immer“, erklärte nun Abadis Vater. Abadi beobachtete Leon, dessen Gesichtsausdruck zwischen Unglauben und Verblüffung wechselte.
„Es ist wahr“, bestätigte Abadis Mutter.
„Ich kann es einfach nicht glauben“, meinte Leon Kopfschüttelnd. „Selbst Gott hat dieses Land vergessen. Und ihr kommt aus der weiten Welt angereist um euch hier niederzulassen? Ich kann es nicht glauben! Dieses Land hat nichts mehr zu bieten, außer einem Haufen Dummköpfe, die schon mit der Grammatik der Kanaksprak überfordert sind!“
Abadi schloss die Augen. Wo war er gelandet? Was musste mit einem Land geschehen sein, dass von sich selbst als der Nation der Dummköpfe sprach?
„Wie dem auch sei“, fuhr Leon fort, „ihr seid nun mal hier. Kommt mit mir. In meinem Haus ist noch Platz.“
Wieder konnte Abadi einen kurzen Blickwechsel seiner Eltern beobachten.
„Das ist ein sehr nettes Angebot“, sagte Abadis Mutter schließlich. „Wir nehmen es gerne an, bis wir eine eigene Wohnung gefunden haben.“
Leon zuckte mit den Achseln und griff nach der Reisetasche von Abadis Mutter.
„Dann kommt! Es ist wirklich ein glücklicher Zufall, dass ich euch heute getroffen habe.“
„Ja“, stimmte Abadis Vater zu. „Ich nehme an, Sie werden nicht allzu oft Geschäfte am Bahnhof zu erledigen haben.“
„Keine Geschäfte“, winkte Leon ab. „Ich bin jeden Tag hier.“
„Jeden Tag?“, fragte nun Abadi neugierig. „Warum?“
„Ich warte.“
„Worauf?“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er irgendwann hier ankommt. Er muss am Bahnhof ankommen, den dieser ist unsere einzige Verbindung mit der Welt. Der Flughafen wurde bereits vor 15 Jahren stillgelegt. Und deswegen stehe ich täglich an den Gleisen und warte.“
Langsam gingen sie auf die Rolltreppen zu, die außer Betrieb waren und einen Stock tiefer führten.
„Und warum sind Sie niemals in einen dieser Züge gestiegen?“, bohrte Abadi weiter.
Leon blieb kurz stehen. „Oh! Das ist ein interessanter Gedanke, den ich mir noch nicht gestellt habe“, rief er verwundert aus und setzte seinen Weg wieder fort. Die drei Eritreer folgten ihm nachdenklich ins Freie. Es hatte aufgehört zu nieseln, doch ein kalter Wind, der um ihre Gestalten fuhr, ließ die Afrikaner frösteln.
„Die russische Kälte“, kommentierte Leon und ging weiter.
Vor einem alten Auto blieb ihr Reiseführer stehen und tastete sich suchend ab. Schließlich zog er einen Schlüsselbund hervor und steckte einen Schlüssel in das verrostete Schloss des Autos.
„Bei uns dürften solche Autos gar nicht mehr fahren“, stellte Abadi fest und erntete für diese Bemerkung einen warnenden Blick seiner Mutter.
Ein leises Lachen lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem Mann. Dieser lachte noch immer, seine Schultern zuckten. Plötzlich begann er zu husten und Abadis Vater legte besorgt eine Hand auf die Schulter des Leipzigers. Der verzweifelt versuchte, sich zu beruhigen. Mit einer Hand strich er sich über die Augen und als er sich seinen Gästen wieder zuwandte, war es ihnen unmöglich die Tränen zu sehen, die in ihnen schimmerten.
„Bei uns auch nicht. Vor zwanzig Jahren noch hätte es eine saftige Strafe gegeben, wäre man mit so einer Kiste erwischt worden. Doch heute …“, er brach ab und versuchte, sich zu fassen. „Heute gibt es keine anderen Autos mehr.“

Fortsetzung folgt …

Sa
22
Mrz '08

Ich lese auf der FHL-Lesebühne

Gemeinsam mit Doris Reinthaler werde ich am Sonntag, den 30. März 2008 auf der FHL-Lesebühne in Leipzig lesen. Jedem “Vorleser” stehen 10 Minuten zur Verfügung und ich denke, es wird Spaß machen. Ich rechne mit einem bunten Programm und bin schon ziemlich neugierig. Voraussichtlich werde ich aus meinem Buch “Rubens/Mondscheinsonate” lesen. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher …

Vielleicht laufen wir uns ja über den Weg?
Anfahrt

Fr
21
Mrz '08

Ein Buch entsteht

Schon seit längerer Zeit geistert eine Idee für ein Buch durch meinen Kopf. Es soll in der Zukunft spielen. In Leipzig. Einem Leipzig, von dem ich niemals hoffe, dass es sich zu dem Leipzig meiner Gedanken verändert. Einige Dinge, die ich beobachte, erschrecken mich und scheinen genau in diese Richtung zu weisen. Deswegen erschaffe ich in meinem Buch eine Konsequenz. Vielleicht ist sie ein wenig düsterer, vielleicht ein wenig grauer als es die Realität sein wird - das ist zumindest meine Hoffnung.
“Graffiti” lautet der Titel und ich nehme Sie mit auf die Reise, zur Entstehung dieses Romans. Dies soll ein Versuch sein, ich weiß nicht, ob es klappt, kann auch nicht garantieren, dass dieses Buch jemals fertig gestellt wird. Was natürlich zu einer gewissen Spannung beiträgt …

Graffiti

…Schwer empört schau ich das wilde
Denkmal wilder Menschenart …
Sieh – da winkt versöhnlich milde
Auch ein Gruß der Gegenwart:
Schwindlig ob des Abgrunds Schauer
Ragt des höchsten Giebels Zack
Und am höchsten Saum der Mauer
Prangt der Name — KISELAK.

Joseph Victor von Scheffel

Leipzig im Jahre 2051

Die Scheibe war kalt. Trotzdem presste Abadi seine Nase dagegen und starrte mit großen Augen auf die vorbeiziehende Landschaft. Die aufgehende Sonne zeichnete ein trostloses, trübes Bild der Verwahrlosung. Abadi ballte eine Hand zur Faust. Wie so oft in den letzten Stunden konnte er kaum fassen, dass dies jenes Deutschland war, das vor nicht allzu langer Zeit zu einem der reichsten Länder weltweit gezählt hatte. Was er sah erschütterte ihn. Mittlerweile kreuzten vereinzelte Häuser seinen Blick, die schnell an Dichte gewannen. Sie näherten sich Leipzig. Graue, mit Graffiti beschmierte Wohnblocks zogen an ihm vorbei und wurden vom Nebel verschluckt. Abadi fühlte Tränen aufsteigen und löste sich vom Fenster. Als er mit dem Handrücken über seine Nase fuhr, fühlte er ihre Kälte.
„Ich kann verstehen, wie du dich fühlst“, hörte er die Simme seiner Mutter hinter sich. „Ich hoffe, du wirst eines Tages verstehen, weshalb wir hierher kommen mussten.“
Seit sie die deutsche Grenze passiert hatten, sprachen sie Deutsch miteinander. Seit Jahren hatten sie sich auf diesen Tag vorbereitet.
Abadi schwieg. Er konnte einfach nicht glauben, von nun an in dieser Stadt zu wohnen, deren Trostlosigkeit nichts mit der dem sonnigen Strahlen in Eritrea gemeinsam zu haben schien.
„Du bist stark“, fügte nun sein Vater hinzu. „Du bist vorbereitet, mein Sohn. Du weißt, dass du eine Aufgabe hast.“
Abadi schluckte, wich dem Blick seines Vaters jedoch nicht aus.
„Ja“, murmelte er. „An die feindlichsten Universitäten, nicht wahr?“
Abadis Vater nickte. Im gleichen Moment hielt der Zug mit einem Ruck im Kopfbahnhof der Stadt Leipzig.
Als sie auf den Bahnsteig traten, stieß die Lokomotive ein tiefes Seufzen aus.
„Eine Dampflock, kannst du dir das vorstellen?“, wiederholte Abadi die Worte, die er bereits beim Einsteigen ausgestoßen hatte.
Leichter Nieselregen strich über seine Haut und er hob das Gesicht, um nach oben zu blicken. Vor langer Zeit musste der Bahnhof ein architektonisches Meisterwerk gewesen sein. Doch nun verhöhnte gähnende Leere, wo einst Scheiben gewesen sein mussten, jeglichen Architekturgedanken. Schnell senkte er den Kopf. Er wollte es nicht sehen. Er wollte sich der Nacktheit und Erbärmlichkeit dieser Stadt nicht in diesem Augenblick schon stellen. An den Blick, den sich seine Eltern in diesem Moment zuwarfen, würde er sich sein Leben lang erinnern. Eine Endgültigkeit und eine Aufmunterung lag darin und beides schien ihre Ankunft an diesem Ort zu besiegeln.
Abadis Mutter straffte ihre Schultern.
„Zuerst einmal brauchen wir ein Dach über dem Kopf“, sagte sie und steuerte auf einen Infostand zu.
Die schwere Tasche in ihrer Hand schien sie vergessen zu haben. Abadi und sein Vater folgten ihr.
„Guten Tag“, begrüßte sie die Frau hinter der Theke freundlich. „Wissen Sie, wie man hier zu einer Wohnung kommt?“
Die Bedienstete starrte Abadis Mutter mit großen Augen und offenen Mund an.
„Neger“, murmelte sie ungläubig und ein wenig abwertend.
Überrascht drehte sich Abadis zu seinem Vater. „Sie spricht Latein!“, meinte er fasziniert.
„Nein.“ Abadis Vater schüttelte den Kopf. „So bezeichnet man hierzulande abfällig Schwarze. Ich wette, die Frau weiß nicht einmal, dass neger Schwarz im Lateinischen heißt.“
„Oh.“ Abadi biss sich enttäuscht auf die Lippen.
„Du Wohnung wollen?“ Die Bedienstete der Deutschen Bahn hatte sich mittlerweile dazu entschlossen, zu antworten.
„Ja, das haben Sie richtig verstanden. Aber Sie können mit mir gerne normales Deutsch sprechen. Ich verstehe Sie, keine Angst.“
„Was ist Phase1 Du haben Problem, oder was? Ich Deutsch sprechen.“
„Sie spricht Kanaksprak“, hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich und alle drehten sich zu einem alten Mann um, der hinter Abadis Vater stehen geblieben war. „Kanak Sprak ist mittlerweile Amstsprache in Deutschland.“
Nun war es an Abadi und seinen Eltern, erstaunt zu blicken.
„Wie bitte?“, stammelte Abadis Mutter.
„Darf ich mich vorstellen? Leon von Leipzig.“

Fortsetzung folgt …